Gerhard Göhler über Udo Bermbach, die DVPW und die Gründung der Theorie-Sektion

Udo Bermbach (*1938) war seit 1971 Professor für Politikwissenschaft an der Universität Hamburg. Als Parlamentarismus-Spezialist nach Hamburg berufen, deckte Bermbach bald die Politische Theorie, insbesondere die Demokratietheorie, sowie die Politische Ideengeschichte ab, mit einem Schwerpunkt auf dem in Deutschland wenig beachteten britischen Liberalismus. Nach einem Aufenthalt am Wissenschaftskolleg Berlin wurde Bermbach 2001 emeritiert. Seither widmet er sich in zahlreichen Monographien der ideengeschichtlichen Rekonstruktion von Richard Wagners Werk. Zuletzt erschien der von Bermbach edierte Briefwechsel zwischen Hannah Arendt und Dolf Sternberger. Politik 100 x 100 publizierte seine Laudatio zur Verleihung der Ehrendoktorwürde des Fachbereichs Sozialwissenschaften an Jürgen Habermas. Beiträge zu Bermbachs Demokratietheorie und seiner Wagner-Rezeption sind ebenfalls erschienen.

Gerhard Göhlers Beitrag würdigt Bermbachs institutionelle und forschungsstrategische Initiative für die Politische Theorie aus der Perspektive eines Beteiligten und Mitstreiters. Gerhard Göhler war von 1972 bis 2006 Professor für Politikwissenschaft am Otto Suhr-Institut der Freien Universität Berlin, von 1978 an zuständig für die Politische Theorie und Ideengeschichte. Göhler hat eine Reihe einflussreicher Arbeiten über Macht und Institutionen publiziert, u. a. Institution – Macht – Repräsentation. Wofür politische Institutionen stehen und wie sie wirken (Hg., 1997). Keine Vorlesung über den Begriff politischer Macht ist komplett ohne seinen klassischen Artikel „Macht“ (in: G. Göhler, M. Iser, I.Kerner (Hg.): Politische Theorie. 25 umkämpfte Begriffe, 2. Aufl. 2011).


Die Deutsche Vereinigung für politische Wissenschaft (DVPW) befand sich 1983 wieder einmal in Turbulenzen. Hatte in den 1970er Jahren in der Folge der 68er-Bewegung der ideologische Streit zwischen „bürgerlicher“ und „marxistischer“ Wissenschaft zu heftigen Auseinandersetzungen geführt – ausgetragen am spektakulärsten auf dem DVPW-Kongress 1975 in Duisburg (wo Udo Bermbach zum Vorsitzenden gewählt wurde) – so sorgte diesmal die Gründung einer Konkurrenz-Vereinigung für Aufregung. Die „Deutsche Gesellschaft für Politikwissenschaft“ (DGfP) war sicherlich konservativer eingestellt als die DVPW, Hauptargument der Neugründung aber war, dass die DVPW durch die Öffnung für den wissenschaftlichen Mittelbau und auch Studierende zunehmend an wissenschaftlichem Niveau verloren habe. Ich selbst hielt als Mitglied der DVPW eine Aufspaltung der Interessenvertretung der Politikwissenschaft in zwei konkurrierende Fachverbände zwar für wenig hilfreich, konnte mich aber ebenfalls nicht dem Eindruck verschließen, dass es mit der wissenschaftlichen Ausstrahlung der DVPW derzeit nicht zum Besten stand. Aus dem DVPW-Kongress 1982 in Berlin – ich war damals Sprecher (Dekan) des dortigen Fachbereichs Politische Wissenschaft (Otto-Suhr-Institut), in Planung und Ablauf des Kongresses aber nicht involviert – ist mir noch der peinliche Eindruck des Abschluss-Plenums in Erinnerung, als sich im Auditorium Maximum der FU gerade mal um die 20 Zuhörer herumdrückten. Da musste also etwas geschehen.

Vorstand und Beirat der DVPW reagierten vor allem mit einer Umorganisation zur Schärfung des wissenschaftlichen Profils der Vereinigung. Gab es vorher mehr oder weniger informell agierende Arbeitskreise, so sollten nun neu eingerichtete Sektionen mit verantwortlichen Sprecherinnen und Sprechern und regelmäßig abgehaltenen Sektionstagungen der wissenschaftlichen Ausstrahlung der DVPW neuen Schwung verleihen. Hier kommt Udo Bermbach in Spiel. Er übernahm die Reorganisation der Verbandsarbeit für die Politische Theorie, die zuletzt im Arbeitskreis „Politische Philosophie“ eher vor sich hingedümpelt hatte, und gründete im Auftrag von Vorstand und Beirat der DVPW die neue Sektion „Politische Philosophie und Theoriengeschichte“, abgekürzt „Theorie-Sektion“.[1] Dazu trafen wir uns erstmals auf einer DVPW-Tagung im Oktober 1983 in Mannheim. Am 12.10.1983 haben wir ein ausführliches Gespräch über die künftigen Aktivitäten der Politischen Theorie in der DVPW geführt und danach an einer Besprechung des bisherigen Arbeitskreises Politische Philosophie teilgenommen.[2] Dabei ging es noch nicht explizit um die Gründung einer Sektion, sondern um ein neues Tagungsformat und ein längerfristiges Thema.

Bermbachs Anliegen war es, die künftigen Tagungen wissenschaftlich intensiver und organisatorisch verbindlicher zu machen. Das leuchtete mir sehr ein. So nahmen wir uns vor, die Zahl der Referate drastisch zu senken und statt dessen zeitlich auszuweiten (bis 60 Minuten). Ausführliche Koreferate, denen der Text des Hauptreferats vorher bekannt sein musste, und sehr viel Zeit für die Diskussion sollten zu wissenschaftlicher Vertiefung führen. Die Teilnahme sollte auf Einladung erfolgen, die Tagungen sollten finanziert und die Ergebnisse grundsätzlich publiziert werden. Dieses strikte und ambitionierte Qualitätsmanagement mit quasi elitären Zügen, was mich bei dem damals linksliberalen Bermbach anfangs ziemlich überraschte, ließ sich dann ab der zweiten Sektionstagung tatsächlich realisieren und hat der Theorie-Sektion einen gewissen Ruf als „Musterschüler“ in der DVPW.

Thematisch galt es, ein längerfristig tragendes Thema zu finden. Wir verständigten uns schnell auf „Theorie politischer Institutionen“. Bermbach hatte unlängst in einer Abrechnung mit der marxistischen Politik-Theorie auf ihre Defizite in der anthropologischen und institutionentheoretischen Fundierung hingewiesen;[3] unschwer ließ sich darüber hinaus feststellen, dass die deutsche Politikwissenschaft überhaupt institutionentheoretisch unterbelichtet war. Also ergab sich daraus ein lohnendes Projekt, welches seinen besonderen Reiz nicht zuletzt dadurch erhielt, dass eine Theorie politischer Institutionen stets auf Rekurs auf die vielfältigen Ansätze in den anderen Sozialwissenschaften angewiesen ist und deshalb von vornherein interdisziplinär betrieben werden muss. Mein eigener Schwerpunkt war zuletzt die Wissenschaftsforschung, namentlich über die Freiburger Schule der Politikwissenschaft, und ich war nun begierig, mit den politischen Institutionen auch ein Objekt dieser Wissenschaft zum Gegenstand einer theoretisch orientierten Forschung zu machen.

Der AK Politische Philosophie nahm unser Konzept dankend auf und stellte eine institutionentheoretische Tagung für den Herbst 1984 in Aussicht. Udo Bermbach und ich übernahmen die konkrete Planung, die tatsächlich einen Neubeginn darstellen sollte. An die Stelle des AK trat die Sektion. So kündigte Bermbach, gestützt auf ein institutionentheoretisches Vorbereitungspapier von mir,[4] nun am 10.1.1984 in einem Rundschreiben an: „Vorstand und Beirat der DVPW haben mich beauftragt, den bisherigen Arbeitskreis ‚Politische Philosophie‘ als eine neue Sektion innerhalb der DVPW zu organisieren … Zusammen mit Herrn Kollegen Göhler, Berlin, möchte ich Sie heute gerne zu einer konstituierenden Tagung der Sektion im November dieses Jahres einladen. Herr Göhler und ich schlagen als ein längerfristig zu bearbeitendes Thema vor: Zur Theorie politischer Institutionen.“[5] Es folgen Begründung, weitere Planung und ein vorläufiges Programm. Bemerkenswert ist der Name der neuen Sektion, sie hieß jetzt „Politische Philosophie und Theoriengeschichte“. Die Hinzufügung von „Theoriengeschichte“ zur politischen Philosophie hätte auch „Ideengeschichte“ lauten können, um dem thematischen Umfang der Sektionsarbeit Rechnung zu tragen. Aber Bermbach hat damals wiederholt argumentiert, die Bezeichnung „Ideengeschichte“ verenge die notwendige theoretisch-historische Forschung völlig unzulässig auf bloß abstrakte, scheinbar unmittelbar wirkende Ideen, während sie doch angemessen nur in ihrem jeweiligen historischen Kontext zu verstehen seien.[6] Diese völlig richtige, wenn auch praktisch nicht immer leicht einzulösende Maxime hat sich zwar terminologisch nicht durchgesetzt,[7] prägte aber durchaus die weitere ideengeschichtliche Arbeit der Sektion.

Die 1. Sektionstagung fand unter der Leitung von Udo Bermbach vom 15. bis 18. November 1984 in Heidelberg statt, sie hat unter der allgemeinen Themenstellung „Zur Theorie politischer Institutionen“ zunächst einmal den Versuch einer wissenschaftshistorischen und systematischen Bestandsaufnahme unternommen. Die ausgearbeiteten Beiträge sowie ergänzende Arbeiten wurden in einem ersten institutionentheoretischen Band veröffentlicht.[8] Auf der Mitgliederversammlung wurde die Sektion konstituiert und ihre Arbeitsweise im Sinne der genannten Maximen beschlossen, wobei die Sektion auch über die DVPW hinaus offen sein sollte. Auf Vorschlag von Bermbach (er selbst wollte nicht kandidieren) wurde ich für drei Jahre zum Sprecher der Sektion gewählt, zusammen mit Kurt Lenk (Aachen) und Herfried Münkler (Frankfurt/M.) als Beisitzer. Es bestand Einigkeit, die in Heidelberg begonnene Thematik in dieser Zeit mit halbjährlich stattfindenden Arbeitstagungen fortzuführen, zunächst mit zwei Tagungen zu ihrer ideengeschichtlichen Dimension.

Hier beginnt nun eine Entwicklung, die ich selbst nicht vorausgesehen geschweige denn geplant hatte. Auf der Mitgliederversammlung in Heidelberg wurde auch über die Finanzierung der nächsten Tagung gesprochen, und vermutlich auf Anregung von Udo Bermbach mit seinen guten Beziehungen seit dem DVPW-Vorsitz wurde die DFG ins Auge gefasst. Ich habe deshalb in Abstimmung mit den beiden Beisitzern bald darauf, am 17.12.1984, bei der DFG für das Frühjahr 1985 ein „Rundgespräch“ beantragt, Thema: „Zur Theorie politischer Institutionen aus historischer Perspektive“. Der Antrag wurde bewilligt, die 2. institutionentheoretische und zugleich erste ideengeschichtliche Sektionstagung fand vom 31. März bis 3. April 1985 in der Geschäftsstelle der DFG in Bonn statt. Mit dem Format des Rundgesprächs war allerdings eine Perspektive verbunden, die mir bei der Antragstellung noch nicht bewusst gewesen war. Die DFG förderte mit hohem Mitteleinsatz interdisziplinäre Schwerpunktprogramme, die im Gegensatz zu den Sonderforschungsbereichen nicht an einer Universität angesiedelt waren, sondern einen Verbund von wissenschaftlichen Projekten aus der gesamten Bundesrepublik bildeten, für einen Zeitraum von fünf Jahren und koordiniert durch regelmäßige Konferenzen. „Rundgespräche“ dienten der Vorbereitung solcher Schwerpunktprogramme, und so lag in der Bewilligung seitens der DFG vor allem die Absicht, diese zu initiieren. Auf der Sektionsbesprechung während der Tagung in Bonn hat der für uns zuständige Referent der DFG, Dr. Zimmermann, auf diese Perspektive hingewiesen, vorher finde ich keine Hinweise in den Akten. Jedenfalls gab das viel Stoff zum Nachdenken, denn mit einem Schwerpunktprogramm zur Theorie politischer Institutionen würde die Sektionsarbeit eine ganz andere Dimension erreichen, und zugleich müsste geklärt werden, wie parallel dazu die Sektionsarbeit selbst fortzuführen wäre. Wir – in diesem Fall Udo Bermbach, Kurt Lenk, Herfried Münkler und ich – kamen allerdings zu dem Schluss, dass wir den Versuch wagen sollten, vorausgesetzt, genügend ernsthaftes Interesse der Kolleginnen und Kollegen über die Sektion hinaus ließe sich organisieren. So habe ich in einem Rundschreiben v. 15.5.1985 die Möglichkeit der Beantragung eines Schwerpunktprogramms „Theorie politischer Institutionen“ angekündigt und um Interessenbekundungen gebeten. Seitdem verlief die Arbeit an der Theorie politischer Institutionen zweigleisig, was viel Aufwand und auch einige Probleme mit sich brachte.

Die Sektionsarbeit ging weiter wie geplant. Auf die erste ideengeschichtliche Tagung in Bonn mit Referaten über institutionentheoretische Perspektiven bei Platon und Aristoteles, Marsilius von Padua, Althusius, Adam Smith und den Verfassungsstaat des 19. Jahrhunderts folgte eine zweite ideengeschichtliche Tagung auf dem DVPW-Kongress in Bochum am 8. und 9. Oktober 1985 zu Spinoza und Kant. Abgeschlossen wurde der ideengeschichtliche Durchgang auf der 4. Sektionstagung bei der Werner-Reimers-Stiftung in Bad Homburg vom 9. bis 11.Juni 1986, vermittelt durch Udo Bermbach und durchgeführt wiederum als „Rundgespräch“ der DFG. Hier ging es um die Institutionenkritik der Sophisten, das Institutionenverständnis im späten Mittelalter (Ockham), in der Reformation und in den Federalist Papers sowie die Institutionentheorie der Utopisten. Die vorgelegten Beiträge auf den drei ideengeschichtlichen Tagungen und die intensiv geführten Diskussionen zur systematischen institutionentheoretischen Einordnung ergaben den zweiten, ideengeschichtlichen Band der Sektionsarbeit.[9]

Die folgenden drei Sektionstagungen befassten sich mit interdisziplinären Aspekten einer Theorie politischer Institutionen. Unter dem Titel „Verhaltenswissenschaftliche und philosophisch-anthropologische Voraussetzungen einer Theorie politischer Institutionen“ fand die 5. Sektionstagung als erste interdisziplinäre Tagung, gefördert durch die VW-Stiftung, vom 29. November bis 1. Dezember 1986 in Hannover statt. Hier ging es um biokulturelle Ansätze, um den symbolischen Interaktionismus (Goffman) und vor allem um die Institutionentheorie von Arnold Gehlen. Die Organisation der Folgetagung „Ökonomische Theorie politischer Institutionen“ bereitete einige Probleme. Ein Antrag bei der Reimers-Stiftung scheiterte nach langem Hin und Her, einen Ausweg bot die Akademie für politische Bildung Tutzing, allerdings zu eigenen Kosten, und schwierig war auch die Referentensuche. Schließlich hat die DFG die Finanzierung übernommen, um nochmals bei der Vorbereitung des Schwerpunktprogramms zu helfen.[10] Die 6. Sektionstagung vom 15. bis 16. Juni 19987 in Tutzing befasste sich dann historisch und systematisch mit dem ökonomischen Denken über politische Institutionen. Den Abschluss des interdisziplinären Durchgangs bildete die 7. Sektionstagung vom 4. bis 6. Dezember 1987, wiederum in Hannover und gefördert durch die VW-Stiftung. Unter dem etwas plakativen Titel „Die politische Institutionen und das Recht“ ging es darum, die rechtliche Dimension der Theorie politischer Institutionen sowohl begrifflich als auch inhaltlich mit Bezug auf Rechtssoziologie, Staatslehre und öffentliches Recht zu klären – ein nicht ganz leichtes Unterfangen. Immerhin konnten auch die Beiträge zum Recht zusammen mit der biopolitischen, anthropologischen und ökonomischen Institutionenbegründung als dritter, interdisziplinärer Band der Sektionsarbeit veröffentlicht werden.[11]

Damit war die institutionentheoretische Thematik für die Theorie-Sektion abgeschlossen. Auf der Sektionsbesprechung in Hannover wurde erstmals über die weitere längerfristige Planung gesprochen.[12] Hatte es vorher bereits heftige Diskussionen darüber gegeben, ob die Arbeit am Schwerpunktprogramm die Sektionsarbeit beeinträchtigen würde,[13] stand nun zur Debatte, ob das Ursprungskonzept eines langfristigen Themas mit geförderten, auf Einladung basierenden Tagungen die Sektion zu sehr einenge und vor allem die Jüngeren benachteilige (Michael Th. Greven). Da gab es gute Gründe dafür und dagegen (Udo Bermbach engagierte sich noch einmal für die konzentrierte Form), und so wurde beschlossen, die nächste Sektionstagung auf dem 1988 anstehenden DVPW-Kongress in Darmstadt erst einmal thematisch zu öffnen und die Referate auszuschreiben. Die Festlegung künftiger Themen und Formate samt Sprecherwahl sollte dann auf dem Kongress erfolgen. Die Sektionstagung auf dem Kongress am 15. September 1988 präsentierte unter dem Titel „Neuere Ansätze zur Politischen Philosophie und Ideengeschichte“ diverse Beiträge, und auf der Sektionsversammlung beschloss man dann doch, wieder zu einer längerfristigen Thematik zurückzukehren, nämlich zu „Macht in der Demokratie“. Bei der Sprecherwahl kandidierte ich noch einmal, allerdings unter der Bedingung, dass die Organisation der Sektionstagungen angesichts meiner Belastung durch das Schwerpunktprogramm im neuen Vorstand aufgeteilt werden sollte. Die neuen Vorstandsmitglieder – Jürgen Gebhardt (Erlangen), Michael Th. Greven (Marburg) und Herfried Münkler (Frankfurt) – waren dazu bereit, und so wurden unter meiner künftig eher formellen Ägide als Sektionssprecher die nächsten Tagungen von Herfried Münkler in Frankfurt/M. (Frühjahr 1989 und Herbst 1990), Michael Th. Greven in Marburg (Herbst 1989) und Jürgen Gebhardt in Erlangen (Frühjahr 1990) organisiert.[14] Ich selbst hatte im Juli 1991 noch einmal die Möglichkeit, mit Mitteln des – inzwischen laufenden – DFG-Schwerpunktprogramms in enger Abstimmung mit Udo Bermbach die abschließende Sektionstagung in der Werner-Reimers-Stiftung (Bad Homburg) zu veranstalten.[15]

Zurück zum Schwerpunktprogramm: Die Aufforderung zu Interessenbekundungen v. 15.5.1985 war ein erster Test, ob ein solch ambitioniertes Vorhaben der Politischen Theorie hinreichend Resonanz finden würde. Der Rücklauf war mit 63 Meldungen durchaus ermutigend. Auf dem Bochumer DVPW-Kongress gab es deshalb am 9.10.1985 eine gesonderte Besprechung über das geplante Schwerpunktprogramm, hierfür hatte ich ein Positionspapier verfasst.[16] Wir kamen allerdings zu dem Ergebnis, dass trotz der erfreulichen Resonanz noch viel für die Schärfung des Profils und die Verbreiterung des Kreises möglicher Antragsteller zu tun sei. Beschlossen wurde deshalb ein Stufenplan, der bei ausreichender Resonanz zur Zusammenstellung von Projektskizzen und schließlich zur Formulierung eines Antragsentwurfs führen sollte. Nach den eingegangenen Stellungnahmen zu meinem Positionspapier traf sich eine Vorbereitungsgruppe, bestehend aus Udo Bermbach, Kurt Lenk, Manfred Walther, Arno Waschkuhn und mir am 11.1.1986 in Hannover, um ein erweitertes Papier zu formulieren. Dabei bereitete das vorgesehene Forschungsprogramm weniger Mühe als eine akzeptable Darstellung des Forschungsstands – es gab dazu angesichts der neuartigen Frage nach einer umfassenden Theorie politischer Institutionen einfach keine wirklich einschlägigen Vorarbeiten. So wurden vielfältige Einzelaufträge erteilt. Am 18.2.1986 habe ich in einem Rundschreiben an alle Interessenten das inzwischen ausformulierte erweiterte Positionspapier (ohne Forschungsstand) verschickt und um die Zusendung ausgearbeiteter Projektskizzen gebeten. Bis zum 30. April waren 35 Projektskizzen eingegangen. Das war schon nicht schlecht, allerdings erwies sich die Kompilation der Einzelpapiere über den Forschungsstand als eine kurzfristig nicht lösbare Aufgabe. Deshalb wurde der Antrag für ein Jahr zurückgestellt, statt dessen hat der Bermbach-Schüler Rainer Schmalz-Bruns in einem zwölfmonatigen DFG-Projekt den Forschungsstand erstmals systematisch erarbeitet.[17] Vermittels seiner Zwischenergebnisse und der inzwischen eingegangenen 57 Projektskizzen konnte nun nach einer abschließenden Besprechung auf der Sektionstagung in Tutzing der Antrag für den Durchgang 1987 gestellt werden.

Leider war er für die DFG noch zu breit formuliert, und so konnte er sich im Senat am 15.10.1987 gegen hohe Konkurrenz nicht behaupten. Zugleich wurden wir aber zu einer Überarbeitung ermuntert. So haben wir am 4.12.1987 auf der Sektionsversammlung in Hannover einen Neuantrag beschlossen, mit der Überarbeitung waren nun Udo Bermbach, Kurt Lenk und ich betraut. Dr. Zimmermann lud uns für den 8.1.1988 in die DFG nach Bonn ein, schickte uns in Klausur, und hier haben wir eine Überarbeitung mit rigider Straffung auf den Weg gebracht. Am 27.10.1988 hat die DFG das Schwerpunktprogramm „Theorie politischer Institutionen“ für fünf Jahre von 1989 bis 1994 eingerichtet und später bis 1995 verlängert. Von mir koordiniert, wurden insgesamt 27 Projekte mit einer Laufzeit von zwei bis vier Jahren gefördert.[18] Für Udo Bermbach endete das Schwerpunktprogramm allerdings enttäuschend: Er konnte sein eigenes Projekt nach zwei Publikationen aufgrund des beruflich bedingten Weggangs der Mitarbeiterin nicht zu Ende führen.[19] Der Bedeutung seines Engagements für die Professionalisierung der Politischen Theorie in Deutschland tat das keinen Abbruch.


[1] Rundbrief Bermbach an die Mitglieder des AK Politische Philosophie, 10.1.1984. Er befindet sich in den Akten der Theorie-Sektion, auf die sich dieser Beitrag stützt. Verweise und Zitate ohne andere Quellenangabe beziehen sich stets auf diese Akten. Sie befinden sich derzeit noch in meinem Privatbesitz und werden voraussichtlich vom Universitätsarchiv der FU Berlin übernommen.

[2] Aide memoire über die Besprechung des AK Politische Philosophie v. 12.10.1983. Anwesend: Bermbach, Göhler, Sattler, Trautmann, Neumaier.

[3] Bermbach, Udo: Defizite einer marxistischen Politik-Theorie. Zur Notwendigkeit einer anthropologischen und institutionen-theoretischen Fundierung materialistischer Staatstheorie. In: PVS 24/1 (1983). 15-30.

[4] Gerhard Göhler: Herbsttreffen AK Politische Philosophie, Nov. 84: Zur Theorie politischer Institutionen, 23.12.1983.

[5] Siehe FN 1.

[6] Vgl. dazu: Bermbach, Udo: Bemerkungen zur politischen Theoriengeschichte. In: PVS 22/2 (1981). 181-194; ds.: Über die Vernachlässigung der Theoriengeschichte als Teil der Politischen Wissenschaft. In ds. (Hg): Politische Theoriengeschichte. Probleme einer Teildisziplin der Politischen Wissenschaft. PVS-Sonderheft 15/1984. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, 1984. 9-31; ds.: Zur Entwicklung und zum Stand der politischen Theoriengeschichte. In: v. Beyme, Klaus (Hg.): Politikwissenschaft in der Bundesrepublik Deutschland. Entwicklungsprobleme einer Disziplin. PVS-Sonderheft 17/1986. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag. 142-167.

[7] Inzwischen heißt die Sektion „Politische Theorie und Ideengeschichte“.

[8] Göhler, Gerhard (Hg.): Grundfragen der Theorie politischer Institutionen. Forschungsstand – Probleme – Perspektiven. Opladen: Westdeutscher Verlag, 1987. Udo Bermbach hatte mich gebeten, zur Vermeidung von Kooperationsproblemen die Herausgabe allein zu übernehmen (Brief v. 19.11.1984).

[9] Göhler, Gerhard / Lenk, Kurt / Münkler, Herfried / Walther, Manfred (Hg.): Politische Institutionen im gesellschaftlichen Umbruch. Ideengeschichtliche Beiträge zur Theorie politischer Institutionen. Opladen: Westdeutscher Verlag, 1990. Weil dieser Band beim Westdeutschen Verlag sehr lange liegengeblieben war, wurden die nächsten Bände bei Nomos veröffentlicht..

[10] Bemerkenswert ist die Maßgabe bei der offiziellen Einladung: „Das Kolloquium ist die letzte von insgesamt sechs Tagungen im Rahmen der Vorbereitung eines Antrages an den Senat der Deutschen Forschungsgemeinschaft, ein Schwerpunktprogramm zum Thema ‚Theorie politischer Institutionen‘ einzurichten. Der Antrag an die DFG soll im Anschluss an die Tagung vorgelegt werden“ (Einladungsbrief Dr. Zimmermann, 7.4.1987).

[11] Göhler, Gerhard / Lenk, Kurt / Schmalz-Bruns, Rainer (Hg.): Die Rationalität politischer Institutionen. Interdisziplinäre Perspektiven. Baden-Baden: Nomos, 1990.

[12] Protokoll der Sektionsbesprechungen am 4. und 5.12.1987 in Hannover.

[13] Brief Bermbach an Göhler, 11.10.1985; Brief Göhler an Bermbach, 23.10.1985.

[14] Greven, Michael Th. (Hg.): Macht in der Demokratie. Denkanstöße zur Wiederbelebung einer klassischen Frage in der zeitgenössischen Politischen Theorie. Baden-Baden: Nomos, 1991; Gebhardt, Jürgen / Münkler, Herfried (Hg): Bürgerschaft und Herrschaft. Zum Verhältnis von Macht und Demokratie im antiken und neuzeitlichen politischen Denken. Baden-Baden: Nomos, 1993.

[15] Göhler, Gerhard (Hg.): Macht der Öffentlichkeit – Öffentlichkeit der Macht. Baden-Baden: Nomos, 1995.

[16] Gerhard Göhler: Positionspapier für ein Schwerpunktprogramm „Theorie politischer Institutionen“, 1.10.1985.

[17] Göhler, Gerhard / Schmalz-Bruns, Rainer: Perspektiven der Theorie politischer Institutionen. Literaturbericht. In: PVS 29 (1988). 309-349; Schmalz-Bruns, Rainer: Ansätze und Perspektiven der Institutionentheorie. Eine bibliographische und konzeptionelle Einführung. Wiesbaden: Deutscher Universitätsverlag, 1989.

[18] Göhler, Gerhard: Abschlussbericht für das Schwerpunktprogramm 322 177 „Theorie politischer Institutionen“. Undatiert (1999).

[19] Abschlussbericht, S. 18.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.