Männerbündelei ohne Patriarchat? Carmen Puchinger über Stefan Breuer, Anatomie der Konservativen Revolution (1993)

Stefan Breuer war nach Promotion und Habilitation als Professor für Soziologie, zunächst an der Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik (HWP) und dann am Department Wirtschaft und Politik (DWP), welches wiederum im Jahre 2009 zum Fachbereich Sozialökonomie der Universität Hamburg wurde, tätig. Bis zu seiner Emeritierung 2014 forschte er insbesondere zur politischen Rechten zwischen 1871 und 1945.

Carmen Puchinger ist Masterstudentin der Politikwissenschaft mit politiktheoretischem Schwerpunkt. Ihr Beitrag erreicht uns aus Bologna, wo sie an der Alma Mater Studiorum – Università di Bologna ihr Auslandssemester absolviert.


Der sogenannten Konservativen Revolution werden verschiedenste intellektuell-geistige Strömungen der 1920er- und frühen 1930er-Jahre zugerechnet. Für den Standort Hamburg hatte die Konservative Revolution eine besondere Bedeutung, hier akkumulierte sie in Organisationen wie dem Hamburger Kreis, dem Hamburger Nationalistenclub und überall dort, wo der zeitweise in Salzwedel ansässige Wilhelm Stapel eine metropolitanere Bühne suchte. Die Hansestadt war außerdem Hochburg der Fichte Gesellschaft, welcher auch Stapel angehörte. Sie wurde nach dem 1. Weltkrieg von Verfechtern eines völkischen Staats- und Kulturverständnisses gegründet und konnte zusammen mit dem Deutschnationalen Handlungsgehilfenverband in Hamburg die erste Fichte-Hochschule etablieren. So unterrichte man beispielsweise am Holstenwall 4 durch Kurse, Vorträge oder Schulungen in einem national-erzieherischen Sinne über die volkstümlichen Besonderheiten der Deutschen. Heute erfreut sich der Begriff der Konservativen Revolution besonders deshalb wieder hoher Konjunktur, weil zum einen aktuelle Organe der Neuen Rechten wie etwa die Identitäre Bewegung explizit, durch Textstücke oder subkulturelle Kleidung, auf die Denker der Konservativen Revolution rekurrieren[1], zum anderen der Begriff im politischen Mainstream, so etwa bei Alexander Dobrindt Verwendung findet. Dabei ist die tatsächliche ideologische Einheit der Autoren und Theorien höchst umstritten.

Stefan Breuer unternimmt in seiner Anatomie der Konservativen Revolution (Breuer, 1993) den ehrenwerten Versuch, eine organische Einheit der diffusen Strömungen anzunehmen, um sie sodann sorgfältig und beweisstark zu sezieren. Seine Anatomie gliedert der Autor dabei in drei Teile: Erstens die Anamnese, zweitens die Analyse und drittens die Affinitäten. Diese Titelgebung plausibilisiert Breuer dabei sowohl substanziell als auch formal. Substanziell besteht die entscheidende Aufgabe der Untersuchung darin, die Vorstellungswelt der als konservativ-revolutionär eingestuften Autoren unter dem Gesichtspunkt zu prüfen, ob sie trotz aller Differenzen einen gemeinsamen Kern enthält, also als organische Einheit gerechtfertigt werden kann. Formal ist die Untersuchung „selbstverständlich akademischer Natur“ (S. 6) und soll deshalb aus Gründen einer angeblichen Objektivierung einer Logik folgen, welche Breuers Ideal naturwissenschaftlicher Prüfungen möglichst nahekommt. Die Untersuchung nähme ihre Gegenstände dabei „so wie sie sind, und behandelt sie so, wie auch die Manifestationen anderer Strömungen der Ideengeschichte behandelt zu werden verdienen“ (ibid.).
Zu den Protagonisten der Konservativen Revolution zählt Breuer im engeren Kreis Spengler, Moeller van den Bruck, Stapel, Freyer, Schmitt, Jung, E. Jünger, Niekisch und Zehrer. Einen weiteren Kreis bilden Boehm, Spahn, Ziegler, F.G. Jünger und (andere) Mitarbeiter konservativ-revolutionärer Organisationen wie der Tat, dem Ring oder dem Deutschen Volkstum, vertreten etwa durch Schotte, von Gleichen, Eschmann und Günther (ibid.). Drei überraschende und zentrale Thesen stellt Breuer direkt zu Beginn seiner Untersuchung heraus: 1. Die Konservative Revolution ist nicht konservativ, 2. Die Konservative Revolution ist nicht revolutionär und 3. Die Konservative Revolution gibt es als einheitliches Phänomen nicht. Alle drei Thesen kann Breuer im Laufe seiner differenzierten und detailreichen Studie überzeugend verteidigen.

Hierfür untersucht der Autor in seiner Anamnese zunächst das Verhältnis des diskutierten Personenkreises zur Moderne und zeigt aufwendig biographische, soziologische und sogenannte mentalitätsgeschichtliche Aspekte der Konservativen Revolution auf. Bereits in diesem ersten Teil gelingt es Breuer, These Eins zu belegen, wonach gilt: „Was immer die konservative Revolution gewesen sein mag, konservativ war sie nicht“ (S. 4). In den Augen Breuers ist die Geschichte des Konservatismus, den er als „genuin“ bezeichnet, bereits im 19. Jahrhundert abgeschlossen und „daß es eine wie immer geartete Mutation, dank welcher sich der Konservatismus wie der Phönix aus der Asche erhoben hätte“ gab, sei nicht zutreffend (ibid.). Vielmehr avanciert die Konservative Revolution in der Breuerschen Darstellung zum Ausdruck der Moderne. Mag sie auch ein Ensemble von Orientierungsversuchen sein, das noch so sehr gegen Aufklärung und Liberalismus opponierte, so sei sie doch so sehr von einem für die Moderne typischen Voluntarismus und Ästhetizismus durchdrungen, dass von einem Konservatismus im historisch-spezifischen Sinne keine Rede mehr sein könne (S. 4f., 180). Ferner stellt Breuer in seiner Anamnese den gemeinsamen Nenner einer verhältnismäßig elitären Stellung aller Konservativen Revolutionäre heraus, gehörten sie doch zu einer winzigen Bildungselite des Kaiserreiches und waren Teil von dem etwas mehr als einem Prozent, welches das Privileg genoss, eine Reifeprüfung abzulegen (S. 27f.). Gepaart wird diese Sonderstellung in der Breuerschen Bestandsaufnahme des Weiteren mit dem formalen Kriterium der „Männerbündelei“, das dem „Gruppenbild  ohne Dame“ zugrunde läge (S. 41ff.). Auch apokalyptische Deutungen zwischen Gegenwart und Zukunft, Apologien der Gewalt und Verhaltens- und Rhetorikmuster zwischen Angst und Affirmation kennzeichneten die Konservative Revolution. Als besonders prägend hebt Breuer die Erfahrung des Ersten Weltkriegs hervor. Wenngleich aufgrund der großen Altersspanne der diskutierten Personen dabei nicht von einem Generationszusammenhang gesprochen werden kann und einige Akteure direkt an der Front (so etwa E. Jünger und Freyer), andere eher in organisatorisch-führenden Zusammenhängen (so etwa Schmitt und Boehm) tätig waren, fand doch der „hochgezüchtete Idealismus, der bis dahin ohne konkretes Ziel gewesen war, hier endlich eine Aufgabe und eine Gelegenheit zur Bewährung“ (S. 31). Dennoch, und dies bringt Breuer zur Bestätigung seiner dritten These vor, sind alle im Zuge der Anamnese ausgemachten Charakteristika gerade nicht spezifisch für die Konservative Revolution und deshalb nicht mehr und nicht weniger als der Ausdruck von Gemeinsamkeiten, nicht aber Einzigartigkeiten.

Teil Zwei des Buches, die Analyse, erhärtet diesen Verdacht weiter. Die ausgeloteten Verhältnisse der Konservativen Revolutionäre zu ihren Feinden, der Wirtschaftsordnung, Wissenschaft & Technik, sowie ihre Begriffe von Nation, Volk und Rasse und zuletzt ihre Verständnisse von Herrschaft und Reich sind vorrangig durch Dissens und Diskrepanz gekennzeichnet. Als geteilten „Hauptfeind“ macht der Autor jedoch den politischen Liberalismus aus (S. 50), der als „Selbstauflösung der Menschheit“ (Moeller v.d. B., zit. nach Breuer, 1993, S. 51) gedeutet wird. Die Beziehung zur Arbeiterbewegung und ihren Organisationen hingegen schätzt Breuer als eine Art Feindschaft auf zweiter Ebene ein. Sie ist gewissermaßen als Ausdruck der andauernden Revolte gegen das Abendland zu verstehen, welche ja erst der Liberalismus verursacht hätte (Jung, zit. in Breuer, 1993, S. 55). Einschätzungen zu Wissenschaft und Technik, sowie zur adäquaten Wirtschaftsordnung variieren stark und betonen abermals die Heterogenität der angeblich ideologisch klar abgrenzbaren Gruppe (S. 59-78). Im Zuge der Diskussion um die Begriffe von Nation und Volk, gelingt es dem Autor sowohl diese als „‘schwere Kategorien‘“ (S. 93) im Denken der erörterten Autoren auszuweisen, als auch, ihre sehr unterschiedlichen Nuancierungen offenzulegen. Fließend gestaltet sich der Übergang von völkischen Nationsverständnissen und nationalistischen Volksbegriffen dann zur Bedeutung der Rasse in den Kreisen der Konservativen Revolution. Eine große Stärke der Anatomie besteht darin, dass sie aufgrund sorgfältiger Quellenarbeit einen innovativen Befund verteidigen kann, wonach „die Konservative Revolution wesentlich stärker mit rassistischen Denkfiguren kontaminiert war, als es manche ihrer Verteidiger (und sogar ihrer Gegner) wahrhaben wollen“ (ibid.). Der Rassismus manifestiert sich hierbei mal in der Überzeugung, dass sich eine Einheit aus Kultur, nicht aus Biologie ergebe (S. 88), mal in einer Blutmystik, die die Deutschen als „germanisch erhaltenste[s] Volk“ (Moeller v.d. B., zit. nach Breuer, 1993, S. 91) zu plausibilisieren versucht und vorrangig in einem Antisemitismus, der mal die feindlichen „internationalistischen“ Komponenten „des Judentums“ als „Fremdkörper“ hervorhebt (vgl. S. 90), mal seinen Hass auf die „Wurzel ihrer ganzen Persönlichkeit“ (Stapel, zit. nach Breuer, 1993, S. 90) entlädt. Die hieran anschließende Analyse des Herrschaftsbegriffes der Konservativen Revolution vollzieht Breuer mithilfe Weberscher Typologie und identifiziert eine weitgeteilte Begeisterung für einen politischen Führer als charismatischem Herrscher. Dennoch zeigt die Abhandlung zum Reichsbegriff, dass die identifizierte Heterogenität der Gruppe nichts an Relevanz einbüßt, etwa dann, wenn die Vorstellungen von einem religiös-geprägten kommenden „Dritten Reich“ als neue Form des „Gottesreiches“ bis hin zu einem zu errichtenden imperialen Imperium Teutonicum reichen (S. 107f.).
Den letzten Teil des Buches widmet Breuer den Affinitäten Konservativer Revolutionäre und untersucht hierbei ihr Verhältnis zu Akteuren des deutschnationalen Lagers, dem italienischen Faschismus, zum Nationalsozialismus, dem Bolschewismus, beziehungsweise der Sowjetunion, den Regierungen Brüning, Papen und Schleicher, sowie zuletzt zum sogenannten Dritten Reich nach 1933. Die Befunde erlauben es Breuer, seine zweite und dritte These zu bekräftigen. Besonders erwähnenswerte Diskrepanzen bestehen hier etwa in der Deutung der Sowjetunion und des italienischen Faschismus. Ist Erstere für manche Ausdruck des feindlichen „Russentums“, so ist sie für andere ein vorbildlicher Kriegerstaat nach preußischem Vorbild (ibid., S. 50; 151). Letzterer erscheint den einen als „zum guten Teil von Untermenschen gemacht“ (Spengler, zit. nach Breuer, 1993, S. 129), anderen als preußischer als Preußen selbst (S. 124f., 127, 130). Nicht nur der Umstand, dass sich innerhalb der Konservativen Revolution somit Preußen von Alaska bis Sizilien ziehen kann, spricht für Breuers These einer notwendigen Differenzierung. Auch das Verhältnis zum Nationalsozialismus als Idee und in seiner realpolitischen Manifestation nach 1933 seziert der Autor fast schon penibel genau und zeigt hierbei weitere Heterogenitäten auf. Nicht zuletzt die Faktenlage stützt das Breuersche Thesenkonstrukt: Während Schmitt bekanntlich zunächst Karriere in der NSDAP machte, wurde Jung als Regierungsgegner 1934 auf dem Höhepunkt der Röhm-Krise in einem Wald erschossen.
Vor dem Hintergrund der überzeugend aufgezeigten Fraktionierung und Fragilität der einen Konservativen Revolution kann es schließlich nicht überraschen, dass Breuer abschließend dafür plädiert, die künstliche Begriffsschöpfung aufzugeben. Sein alternativer Vorschlag eines „neuen Nationalismus“ ist jedoch zu global, um vollständig zu überzeugen.

Obwohl Breuer mit der Anatomie eine Material-lastige und somit tiefgehende Studie vorlegt, greift diese im Hinblick auf das zentrale Motiv der Männlichkeit insgesamt zu kurz. Dass Breuer im Zuge seiner Anamnese überhaupt auf ihren Stellenwert zu sprechen kommt, wirkt vor dem Hintergrund einer intendierten Sachlichkeit nach dem Vorbild der Naturwissenschaften fast schon aktivistisch. Hierbei entgeht ihm jedoch Entscheidendes, was nicht nur Konsequenzen für seine Feindbestimmung der konservativen Revolutionäre hat, sondern auch die Antwort auf die Frage nach ihren gemeinsamen Nennern verzerrt: Was viele Texte der Konservativen Revolutionäre so unerträglich macht, ist der behauptete universalistische Gehalt ihrer Aussagen, welche aus einer und für eine Position formuliert werden, die partikularer kaum sein könnte. In erster Linie sind die Konservativen Revolutionäre nicht nur ein elitärer Trupp, sondern ein Männerbund, dessen Herrschaftsvorstellung, immer die einer spezifischen Herrenschaft ist. Aus allen Ergüssen der Konservativen Revolution trieft das Patriarchat. Breuer erkennt dies zumindest indirekt an, wenn er zahlreiche Stellen anführt, die auf die Bedeutsamkeit der Männlichkeit verweisen (vgl. S. 41ff.). Gleichwohl findet der Begriff Patriarchat nicht eine einzige Erwähnung in seinem Werk. Ihm entgeht hierbei aber, dass das Patriarchat in seiner spezifischen Prägung im Denken der konservativen Revolutionäre als Ordnungs-, Selektions- und Unterwerfungsprinzip operiert und die Feindseligkeit gegenüber einem politischen Liberalismus deshalb nicht nur gegen seine Prinzipien, sondern auch gegen einen durch ihn zumindest freigesetzten Reiz zur Emanzipation anderer Gruppen gerichtet ist.
Symptomatisch für diese Blindheit ist beispielsweise der Umstand, dass Breuer in seiner anfänglichen Beschreibung der Lebenswelt konservativer Revolutionäre ausführlich die sie prägenden wirtschaftlichen, außen- und innenpolitischen, sowie sozialen Prozesse des frühen 20. Jahrhunderts beschreibt, gleichzeitig jedoch auf jeden Verweis auf das frisch erkämpfte Frauenwahlrecht verzichtet. Die Männerbündelei erhebt Breuer in seiner Anamnese zu einem zu formalen Charakteristikum der Konservativen Revolutionäre und zieht deshalb bedauerlicherweise daraus keine weiteren Schlüsse im Hinblick auf die Feindbestimmung und die Analyse diskutierter Figuren. Dass sich eine spezifische Männlichkeit für den Diskurs der Konservativen Revolutionäre als zentral erweist, legt Breuer zwar überzeugend dar, relativiert dann jedoch schon fast sozialarbeiterisch die omnipräsente Paranoia konservativer Revolutionäre über den Verlust auch nur eines einzigen Millimeters ihrer Phallusreichweite. Dies ist etwa dann der Fall, wenn er attestiert, dass der thematisierte Personenkreis ja gerade durch eine „fundamentale Unfähigkeit zur Angst“ (S. 45) gekennzeichnet sei. Sehr viel plausibler fiele diese Panik aus, wenn sie als Ausdruck der Furcht vor einem tatsächlichen Machtverlust interpretiert würde. Es ist dieser entscheidende Punkt, der Breuer entgeht: Für die Herrschaft der Herrenschaft Konservativer Revolutionäre erweist sich die Unterdrückung anderer Gruppen nicht als Möglichkeit, die nach Gesinnung und Ideologie variieren mag und zu differenzieren ist, sondern als ihre Voraussetzung. Sie ist nicht Option, sondern Präsupposition. Die notwendige Subalternität Anderer beschränkt sich dabei keineswegs auf die Gruppe der Frauen* und somit auf Misogynie.

Im Denken der Konservativen Revolutionäre selektiert eine spezifische Vorstellung der Männlichkeit die Fähigen von den Unfähigen, die Führenden von den sich Führen-Lassenden, die Kriegerischen von den Friedlichen und deshalb schließlich die Politischen von den Apolitischen. Genau dieser Selektionsmechanismus erweist sich als höchst anschlussfähig an Breuers Analyse zu Nation, Volk und Rasse im Denken der Konservativen Revolution, bleibt von ihm jedoch unentdeckt. Der teils grassierende Antisemitismus diskutierter Personen, von dem Breuer Carl Schmitt übrigens irritierender- und fälschlicherweise freispricht[2] (vgl. S. 87f.), ist hier auch immer Ausdruck der Andersartigkeit „der Juden“, die ja auch auf ihrer vermeintlichen Schwäche und ihrem angeblich fehlenden Kampfgeist basiert. Gerade wenn Breuer betont, der Antisemitismus der diskutierten Kreise sei nicht rassisch-biologischer, sondern kultureller Prägung (S. 91), ist es doch höchst bedauernswert, dass ihm die Identifikation der patriarchalen Demarkationslinie, die alle vielfältigen Gegnerschaften der Konservativen Revolutionäre wie Antisemitismus und Rassismus spezifisch durchdringt und spezifisch determiniert oder verstärkt, nicht gelingt. Der Hass der Konservativen Revolution richtet sich gegen Weimar, denn ein „Volkstum, dem die männliche Potenz fehlt, wird weibisch und zerfällt (Boehm, zit. nach Breuer, 1993, S. 43), während der wirkliche Staat „seinem Wesen nach eingeschlechtig [ist]: eine Männersache“ (Stapel, zit. nach Breuer, 1993, S. 43). Nach F.G. Jünger ist es der weibliche Instinkt der Demokratie, der den Staat zur Gesellschaft degradiert (zit. in Breuer, 1993, S. 43) und Schmitt glaubt, dass „die Politik, weit davon entfernt die Angelegenheit einer Elite zu sein, zu dem ziemlich verachteten Geschäft einer ziemlich verachteten Klasse von Mensch geworden ist“ (zit. nach Breuer, 1993, S. 52). Der weibische Frieden von Versailles ist deshalb so verhasst, weil er ein Ausland im Inland, eine Fortsetzung des Krieges gegen das wahre deutsche Volk, das der führenden Männer ist (S. 54). Der Frieden ist nicht weniger als das Diktat einer „Eunuchenrolle“ (Boehm, zit. nach Breuer, 1993, 80) für ein Deutschland, das „Mutterland der Rasse“ sei (Moeller v.d.B., zit. nach Breuer, 1993, S. 91). Dabei manifestiert sich das Patriarchat im Denken Konservativer Revolutionäre nicht nur in einer Skandalisierung eines bedrohlich-pluralistischen realpolitischen Weimars, sondern auch als Maßstab zwischen dem schlechten Weiblichen und dem guten Männlichen in politischen Konzeptionen überhaupt. So glaubt Niekisch etwa, dass der Degeneration des „germanischen Seinskerns“ eine Zweigeschlechtlichkeit zugrunde läge. Nach West und Süd würde er durch den Kontakt mit der „romanischen Substanz“ weiblich und dienend und verkümmere in seiner unterwürfigen Empfänglichkeit. Nach Osten hingegen, im Austausch mit der „slawischen Substanz“ wird er männlich, das heißt befehlend und zeugend und erlangt so als kostbarste Eigenschaft schließlich eine preußische Staatsgesinnung. Die „Rettung des Deutschen“ hängt deshalb von der Verdrängung alles städtisch-romanisch Weiblichen und seiner Fähigkeit zur Mischung mit „männlichem, slawischen Blut“ ab (vgl. S. 93).
Eine Lesart, die die formale Männerbündelei über eine bloße Anamnese hinaushebt, erkennt im Gegensatz zu Breuer dann auch, dass die unablässige Promotion einer bestimmten „richtigen“ Männlichkeit, eine „falsche“ Männlichkeit (wie etwa bei „den Juden“ auszumachen ist) und ebenfalls eine „richtige“ und „falsche“ Weiblichkeit automatisch generiert. Mitnichten ist deshalb mit Breuer etwa von einem „Seltsame[n] Bild“ zu reden, wenn die konservativen Revolutionäre, die er als die „groß[en Krieger, die Helden des Weltkriegs, die sich nicht genug tun konnten in der Anpreisung männlicher Tugenden“ (S. 80) beschreibt, im Kontext von Nation und Volk „Zuflucht zum mütterlichen Sein“ nehmen. Dieses weibliche Sein, ist ja ganz der patriarchalen Logik folgend spezifiziert- es ist ein mütterliches Sein. Alle beschriebene Weiblichkeit in diesem Zusammenhang befindet sich doch in Einklang und Ergänzung und nicht im Widerspruch zur propagierten Männlichkeit. Die für eine Herrenschaft notwendige Subalternität ist erreicht, wenn alles Weibliche passiv, rein und in seinem Gehorsam bedienungslos, das heißt, als einer eigenen Subjektivität beraubt konzipiert ist. Wenn es auf Befehl und Geheiß als „Mutterland“ den „Volkskörper“ gebiert (Boehm, zit. nach Breuer, 1993, S. 80), das heißt „ein[en] Verband von Männern, der sich als Ganzes fühlt“ (Spengler, zit. nach Breuer, 1993, S. 84). Die patriarchale Herrschaft ist gesichert, wenn alles Weibliche domestiziert und somit apolitisiert ist und es gemeinsam mit den Trägern „falscher“ Männlichkeit die biologisch-soziale und ökonomisch-soziale Reproduktion auf den Befehl der wahren, das heißt führenden und politischen Männer hin vollzieht[3].
Die Konservative Revolution ist somit sehr viel mehr als eine Männerbündelei. Ihr spezifisches Patriarchat erweist sich als konstitutives Prinzip für Ordnung, Unterwerfung und Selektion und muss Breuers Einschätzungen deshalb relativieren. Die Form der Konservativen Revolution ist auch ihr Inhalt. Die Breuersche Feindbestimmung, welche sich im politischen Liberalismus erschöpft, ist deshalb zu vage und zu spezifisch zugleich. Denn mehr und weniger als in der Gestaltung der Politik durch eine spezifische Formierung des Politischen, sind sich alle Denker der Konservativen Revolution in der Konstruktion des politischen Subjektes einig. Der rote Faden im blutrünstigen Denken der diskutierten Personen erschließt sich in der elitären und exklusiven Monopolisierung der Politik in den Händen weniger „Fähiger“. Die politische Subjektivität der Konservativen Revolutionäre ist männlich, sie ist kämpferisch und allezeit kampfbereit, sie ist gnadenlos, kompromisslos und deshalb kennt sie keinen Platz für „verweichlichte“ und „verweiblichte“ „Verwaschungen“ und „Vermassungen“ wie Parlamentarismus, Parteien oder Verbände. Die spezifische Attacke auf einen Rahmen, der den zeitgeschichtlichen Namen „politischer Liberalismus“ trägt, dies verkennt Breuer, ist viel mehr Ausdruck der historischen Umstände als einer spezifischen Ideologie.
Eine solche Interpretation der politischen Subjektivität der Konservativen Revolution kann dann auch die Namensgebung des diskutierten Personenkreises substanzieller verhandeln: Während der unerfüllte Breuersche Maßstab eines „genuinen Konservatismus“ doch verhältnismäßig willkürlich erscheint, verdeutlicht die Fokussierung politischer Subjektivität, dass die Revolutionäre insofern konservativ sind, als dass sie an ein jahrtausendealtes Muster der Herrschaft als Herrenschaft appellieren, welches es zu konservieren gilt. Revolutionär wird die Gruppe deshalb, weil sie sich einer spezifischen Historizität ausgeliefert sieht, in welcher diese „natürliche“ Ordnung politisch erodiert wird durch die Inanspruchnahme politischer Handlungsfähigkeit durch die „Unfähigen“ und ihre Wiederherstellung somit revolutionärer Politik bedarf (vgl. S. 149).
Dieser Vorschlag verweist zugleich auf eine Anschlussfähigkeit und die ihm inhärenten Grenzen. Selbstredend ist es ja gerade nicht spezifisch für die Konservative Revolution eine solche patriarchale Konzipierung des politischen Subjektes zu vollziehen. Unzählige Beispiele von Aristoteles bis Hegel[4] könnten an dieser Stelle genannt werden; zeitgeschichtlich ist allein schon auf eine breit geteilte Karikatur zur sogenannten Dolchstoßlegende zu verweisen, die „einen Juden“ mit feminisierten Brüsten und in „Frauenkleidern“ als Wurzel allen Übels zeigt[5]. Gleichzeitig erlaubt eine solche Perspektive aber doch die Identifikation bedeutender Schnittmenge zwischen den Konservativen Revolutionären und den Nationalsozialisten, nämlich dort, wo das politische Subjekt ein Herrenmensch (vgl. S. 100) ist, wie man ihn wörtlicher kaum nehmen könnte. Einigkeit besteht auch darin, dass diese Subjektivität mit den Mitteln der Unterdrückung, Vertreibung oder notfalls auch der Vernichtung zu erhalten ist (vgl. S. 41f.). Mit Breuer ist dann aber auch der Dissens zwischen beiden Gruppen im Hinblick auf die Relevanz der Partei und der „Vermassung“ besser zu verstehen. So glauben die Konservativen Revolutionäre doch, dass sich der Herrenmensch am besten in einem (noch) männlich-militärischeren und exklusiveren Rahmen der Politik nach preußischem Vorbild zu bewegen habe, welches bekanntermaßen seine Subjekte im doppelten Sinne phallusträchtig uniformiert. Anschlussfähigkeit signalisiert die Perspektive der politischen Subjektivität ferner im Hinblick auf den aktuellen Aktivismus der Neuen Rechten. Dieser ist gekennzeichnet durch eine patriarchale Demarkationslinie brachialer und heroischer Männlichkeit, wie sie Jünger, Spengler und Co. selbst kaum hätten besser ziehen können. Sind es doch die kampfeslustigen, kühnen und wortgewandten Männer, die an den „heutigen Fronten“ der Grenzübergänge „heroische“ Taten vollbringen[6], während ihr passivistisches, „pures“ und „unschuldiges“ Anhängsel der Weiblichkeit sich dekorativ in Wald und Wiesen räkelt[7] und nichts tun kann, außer um eine durch „Massenmigration“ verursachte Befleckung der Reinlichkeit des zu gebärenden Volkskörpers zu fürchten[8].

Abschließend erscheint es deshalb als Breuers größter Trugschluss, seine Feindbestimmung nach der Identifikation des politischen Liberalismus für beendet zu erklären, weil „das Verhältnis der Konservativen Revolution zu ihnen [den Feinden, Anmerkung, C.P.] abzuhandeln, […] nur auf eine Redundanzvermehrung hinaus[liefe]“ (S. 115). Stattdessen wendet sich Breuer der Diskussion der Affinitäten der Konservativen Revolution zu. Da sich diese Diskussion gewohnt detail- und deshalb lehrreich gestaltet, ist sie sicher nicht fehl am Platz. Dennoch gelingt es ihr nicht, das Profil der Konservativen Revolution in einem solchen Ausmaß zu schärfen, wie es eine tiefergehende Analyse der Gegnerschaften getan hätte.

Nichtsdestotrotz legt Breuer mit der Anatomie eine ungemein differenzierte und detailreiche Studie über die Beschaffenheit der Konservativen Revolution vor, die überzeugend daran zweifeln lässt, dass es diese eine Konservative Revolution überhaupt gab. Die gewissenhaft analysierte Fülle an Material ist auch 26 Jahre nach Erscheinen nicht nur all jenen wärmstens zu empfehlen, welche sich mit den ideologischen und personellen (Dis-)Kontinuitäten der Konservativen Revolution von Mohler über Kubitschek bis Sellner beschäftigen wollen. Die Anatomie ist auch eine wertvolle Erinnerung an die faktischen Risiken und Nebenwirkungen der Ideologie brachialer Männlichkeit.


Quellen

Breuer, S. (1993). Anatomie der Konservativen Revolution. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft .

 

Book, C. (2017). Mit Metapolitik zur ‘Konservativen Revolution’? In J. Goetz, J. M. Sedlacek, & A. Winkler, Untergangster des Abendlades. Ideologie und Rezeption der rechtsextremen ‘Identitären’ (S. 113-133). Hamburg: Marta Press.

De Beauvoir, S. (1972). The Second Sex. Penguin.

Gross, R. (2000). Carl Schmitt und die Juden. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Schmitt, C. (1938). Der Leviathan in der Staatslehre des Thomas Hobbes. Sinn und Fehlschlag eines politischen Symbols. Hamburg.

Schmitt, C. (1942). Land und Meer. Eine weltgeschichtliche Betrachtung. Leipzig.

Sellner, M., & Spatz, W. (2015). Gelassen in den Widerstand. Ein Gespräch über Heidegger. Schnellroda: Antaios.


[1] Vgl. (Sellner & Spatz, 2015).

[2] War es doch der bis heute gerne in der Politischen Theorie rezitierte Carl Schmitt, der uns wissen lässt, dass Juden und Jüdinnen eine „ganz singuläre, mit keinem anderen Volk vergleichbare, völlig abnorme Lage und Haltung“ einnähmen (Schmitt, Der Leviathan in der Staatslehre des Thomas Hobbes. Sinn und Fehlschlag eines politischen Symbols, 1938, S. 16ff.) Im Kontext des weltgeschichtlichen Kampfes würden sie zusehen „wie die Völker der Erde sich gegenseitig töten“, weil für sie das „gegenseitige Schächten und Schlachten‘ gesetzmäßig und ‚koscher‘“ sei. „Daher essen sie das Fleisch der getöteten Völker und leben davon“ (ibid., S. 18). Und ferner „Sie essen das Fleisch der sich gegenseitig tötenden Tiere, ziehen ihnen die Haut ab, bauen sich aus dem Fell schöne Zelte und feiern ein festliches, tausend-jähriges Gastmahl“ (Schmitt, 1942, S. 10). Zu Schmitts Verhältnis zu „den Juden“ vgl.  auch (Gross, 2000).

[3] So kursierte unter den Konservativen Revolutionären etwa die Idee, Juden und Jüdinnen einer Art Apartheid-Regime zu unterwerfen und sie so ihrer politischen Subjektivität zu berauben, sie aber von der ökonomischen Reproduktion nicht auszunehmen (vgl. Breuer, 1993, S. 90).

[4] Vgl. (De Beauvoir, 1972)

[5] Einsehbar etwa hier: https://www.dw.com/image/17809146_303.jpg

[6] Einsehbar etwa hier: https://www.youtube.com/watch?v=lbvRQSb221g

[7] Hierzu lohnt eine Recherche unter dem Hashtag „Identitarian Girls“ auf Instagram. Zur Bedeutung dieses passivistischen „Aktivismus“ siehe (Book, 2017, S. 122).

[8] Wie etwa hier formuliert: https://www.youtube.com/watch?v=sTMoGod5d6o

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