Lore-Marie Junghans: Zu Ideal und Begriff der Arbeit in Axel Honneths ,Der arbeitende Souverän’ (POLITISCHE THEORIE UND ARBEIT #1)

Im ersten Beitrag unseres studentischen Blogprojekts widmet sich Lore-Marie Junghans Axel Honneths jüngstem Vorschlag einer demokratietheoretischen Integration der Kategorie Arbeit, den er letzten Sommer in seinen öffentlich wirksamen Walter-Benjamin-Lectures zum ‚Arbeitenden Souverän‘ vorgetragen hat. Im Vordergrund ihres Beitrags stehen das Argument eines notwendigen Ergänzungsverhältnisses von Arbeit und politischer Partizipation sowie Honneths konzeptionelle Überlegungen zu Ideal und Begriff der Arbeit, mit denen er die Probleme klassischer Verständnisse zu beheben sucht.


Wer sich für die politiktheoretische Integration von Arbeit interessiert, hat mit Axel Honneths letzten Sommer gehaltenen Walter-Benjamin-Lectures (WBL) zum ‚arbeitenden Souverän‘ am Berliner Center for Humanities and Social Change eine wahre Goldgrube gefunden.[1] Denn Honneth wendet sich darin explizit der Kategorie in ihrem Verhältnis zur Demokratie zu. Zudem befasst er sich mit den Gründen für ihre demokratietheoretische Berücksichtigung sowie deren Tücken. Für ein grundlegendes Interesse am systematischen Ort von Arbeit in der politischen Theorie ist die Auseinandersetzung mit den WBL angesichts dieser vorgelagerten Überlegungen insofern ganz besonders vielversprechend, wobei auch, wer allgemein an Geschichte und Zukunft der Arbeit in westlich-kapitalistischen Gesellschaften interessiert ist, angesichts der anschaulichen ideen- wie auch sozialgeschichtlichen Ausführungen mehr als fündig wird. Im Vordergrund des vorliegenden Beitrags stehen aber eben diese konzeptionellen Überlegungen zu Ideal und Begriff der Arbeit, die wiederum nicht ohne Probleme daherkommen – wie nach einem Nachvollzug des Gedankengangs zu zeigen sein wird.

Work in progress

Die WBL stellen durchaus nicht Honneths ersten arbeitstheoretischen Anlauf dar. Die von ihm vorangetriebene Anerkennungstheorie gehörte vielmehr früh zu den wenigen Inseln arbeitstheoretischer Ausführungen innerhalb einer bis vor kurzem eher arbeitsvergessenen politischen Theorie.[2] Doch noch 2012 hatte Beate Rössler im Rahmen eines Aufsatzes zur politiktheoretischen Rolle von Arbeit eine autonomiezentrierte Kritik an seinen früheren einschlägigen Überlegungen formuliert und bemängelt, dass er mit diesen eine genuine Theorie des Werts der Arbeit schuldig bleibe (Rössler 2012, 515ff.). In der Tat hatte Honneth, was eine solche politiktheoretische Berücksichtigung der Kategorie betrifft, – abgesehen von einer frühen und sodann revidierten Ausnahme (Honneth 1980, 1995) – zunächst eine skeptische Position vertreten, sich allerdings durchaus mit der Rolle von Arbeit für soziale Anerkennung beschäftigt (u.a. 1995, 2003). Sein daran anschließender Fokus auf die Kategorie als solcher findet in den WBL einen Kristallisationspunkt. Gleichzeitig macht er mit diesen einen deutlich über den Anerkennungsdiskurs hinausgehenden Anspruch geltend und knüpft an seine in neueren Schriften vollzogene Hinwendung zur Demokratietheorie an (u.a. 2011, 2015). Was ihn zu der skeptischen Position bewogen hatte, war, wie Rössler herausarbeitet, die gängige Annahme, dass eine normative Theorie der Arbeit vor dem Hintergrund des Wertepluralismus‘ liberaler Gesellschaften weder nötig noch möglich sei, eine solche vielmehr einem unzulässigen Perfektionismus gleichkäme (2007, 359; 1995, xviiff.; vgl. Rössler 2012, 517). Doch bereits mit seiner „theoretischen Neubestimmung“ möchte er eruieren, ob die Idee guter Arbeit nicht doch (wieder) sozialtheoretisch aufgegriffen werden könne, ohne dabei allerdings in einen vergeblichen Utopismus zu verfallen (Honneth 2008, 328f.). Mit seinen Ausführungen zum ‚arbeitenden Souverän‘ in den WBL liefert er eine ausführliche, affirmative Antwort auf diese Problemstellung.

Zum ‚arbeitenden Souverän‘

Wie genau diese Antwort aussieht, soll im Folgenden umrissen werden. Der Titel der Vorlesungsreihe verweist bereits auf Honneths Hauptargument, demzufolge zwischen einer (fairen) Arbeitsteilung und politischer Demokratie ein notwendiges Ergänzungsverhältnis bestehe (MS, 8, 19). Dieses Argument ist bekannt und Gegenstand der sog. spillover-These[3]: Die Qualität des Arbeitsplatzes und – so Honneths auf Hegel zurückgreifende Erweiterung – die Position, die jemand in der sozialen Arbeitsteilung einnimmt, bedingen die demokratische Partizipation sowie die Chance, von den liberalen Freiheiten und kulturellen Gegebenheiten moderner Gesellschaften tatsächlich profitieren zu können (MS, 3, 36ff.). Honneth greift dieses Argument aber nicht ohne Weiteres auf, sondern ausgehend von seiner leitenden Annahme, dass ein konkretes Verständnis des Werts der Arbeit im Sinne eines Maßstabes bestehen müsse, um Arbeitsverhältnisse kritisieren zu können (MS, 6, 8). Erst dann könne festgestellt werden, ob eine Diskrepanz zwischen den Verhältnissen in der tatsächlichen Arbeitswelt und dem entsprechend interpretierten modernen Ideal freier Arbeit, „zwischen Faktizität und Geltung“ (MS, 8), bestehe – um wiederum über ihre Überwindung nachdenken zu können. Aus diesem Grund arbeitet Honneth in einem ersten Schritt unterschiedliche Verständnisse dieses Ideals heraus, um sodann die Vor- und Nachteile dieser verschiedenen Traditionen abzuwägen. Das für angemessen befundene Ideal freier Arbeit dient ihm schließlich als „normative[r] Gesichtspunkt“ (ebd.), als Grundlage für seine weiteren Ausführungen zur Gegenwart und Zukunft der gesellschaftlichen Arbeit – d. i. die Beschreibung der Missstände der gegenwärtigen Arbeitswelt westlich-liberaler Gesellschaften sowie einige tentative Vorschläge für deren mögliche Verbesserung. Erwähnt sei bereits, dass Honneth der Bestimmung der Begriffe Arbeit und Arbeitsteilung für dieses Unterfangen einen großen Stellenwert einräumt.

Ideale freier Arbeit

Das erste, wohl einflussreichste Paradigma der Bestimmung des Werts der Arbeit, das Honneth unterscheidet, kritisiert die Entfremdung von Arbeit (MS, 10f.). Bemängelt wird, dass Arbeit zu etwas den Arbeiter:innen Äußerliches, Dingliches verkomme, dass Arbeit in kapitalistischen Verhältnissen nicht mehr „als produktive Verausgabung von gattungsspezifischen Fähigkeiten erlebt werden könne“ (MS, 11). Damit ist bereits auf das lebensweltliche Vorbild verwiesen, welches diesen Entfremdungsbegriff ursprünglich prägte: Die selbstbestimmte und ganzheitliche Tätigkeit des Handwerkers, welcher ein Produkt, ein Ding, von Anfang bis Ende nach seiner Vorstellung herstellt und schließlich im Produkt die durch die eigenen Fähigkeiten verwirklichte Vorstellung erkennen könne (MS 10f.). Mit der Zeit wurde die aus diesem handfesten Hintergrund stammende Produktvorstellung weniger relevant. Im Vordergrund stand lediglich noch der Gedanke, dass Arbeit objektiv als erfüllend erlebbar sein müsse (MS, 12f., 20) – dass sie den Arbeitenden ermöglichen müsse, „sich mit ihrer Tätigkeit zu identifizieren und sie als […] Ausübung von spezifisch menschlichen Fähigkeiten zu erfahren“ (MS, 12). Auf eben diesen Umstand werde auch mit der Rede von ‚sinnloser‘ Arbeit abgezielt (ebd.). Arbeit werde in dieser Tradition als ein intrinsisches Gut gesehen; der Vollzug der Arbeit selbst sei es, in dem ein objektives Gut liege (MS, 13, 18).

Das zweite, republikanisch geprägte Paradigma lege den Fokus hingegen auf die Abwesenheit von Bevormundung und willkürlicher Herrschaft auch in der Arbeitswelt (MS, 14).[4] Der gemeinsame Gedanke ist hier, dass die Erfahrung der Lohnarbeit oftmals – entgegen der Rede von den angesichts der Vertragsfreiheit freien Arbeitenden – von zahlreichen Abhängigkeiten und willkürlicher Herrschaft geprägt ist, und daher eine Demokratisierung der Wirtschaft anvisiert werden müsse. Auch in der Arbeitssphäre müsse das Prinzip der Freiheit von willkürlicher Herrschaft Anwendung finden – es dürfe vor den Werkstoren nicht einfach hinfällig werden (MS, 17). Im Vordergrund stehen in dieser Tradition also die Rahmenbedingungender Arbeit und nicht die Qualität bzw. der Wert der Arbeit selbst (MS, 17f.).

Keines dieser ersten beiden Paradigmen hält Honneth für überzeugend. Er bezweifelt, was die erste Tradition betrifft, dass die meisten der gesellschaftlich erforderlichen Arbeiten jemals den Charakter einer wie auch immer gearteten selbstzweckhaften Tätigkeit annehmen, also jemals einen intrinsischen Wert erlangen könnten (MS, 21). Es gäbe nämlich eine ganze Reihe von für die gesellschaftliche Reproduktion unabdingbarer Arbeitstätigkeiten, welche nicht so eingerichtet werden könnten, dass sie entweder nur um ihren eigenen Vollzug willen oder zur Realisierung typisch menschlicher Fähigkeiten ausgeführt werden. Wertvoll seien sie trotzdem, aber eben nur für einen außerhalb ihrer selbst liegenden Zweck. In diesem Sinne sind es primär das oben genannte Problem eines bloßen Utopismus (2008, 329), aber auch der „ethische[] Individualismus“ (MS, 22), der Fokus also auf das Wohl des Einzelnen, die Honneth zur Ablehnung des Entfremdungsparadigmas bewegen. An der zweiten Tradition hingegen bemängelt er, dass hier dem Charakter der Arbeit selbst keinerlei Aufmerksamkeit geschenkt, der Arbeit selbst demnach überhaupt kein Wert zugeschrieben werde (MS, 17f., 22f.). Zudem fehlt ihm eine dezidierte Begründung der Annahme, dass für den Bereich der Arbeit dieselben moralischen Prinzipien herangezogen werden könnten wie für den des „politisch-demokratischen Handelns“ (MS, 23) – der ‚marktliberale‘ Effizienz-Einwand, nach dem privaten Akteur:innen hier zwecks wirtschaftlichen Wohlstands freie Hand gelassen werden solle, müsse zumindest argumentativ aus dem Weg geräumt werden.

Arbeit als kontributives Gut

Um dennoch über die Verbesserung und Demokratisierung der Arbeitswelt nachdenken zu können, müsse das dritte Paradigma herangezogen werden, da dieses in der Arbeit ein kontributives Gut sehe. Arbeit werde darin als eine soziale Notwendigkeit verstanden, die aber einem anderen Zweck dienlich gemacht werden solle, konkret: dem Zweck oder Gut der allgemeinen demokratischen Partizipation (MS, 17f., 24f.). Der Vorteil sei, dass mit diesem sämtliche Arbeitstätigkeiten in den Blick genommen und darauf hin geprüft werden könnten, ob sie im Sinne des Guts der demokratischen Partizipation zu verändern seien – nicht nur diejenigen, die dem Ideal eines intrinsischen Werts der Arbeit entsprechen (MS, 25). Gleichzeitig könne, anders als in der ‚republikanischen‘ Tradition, ein Augenmerk auf die Qualität der Tätigkeiten selbst gelegt werden (MS, 23f.). Was Honneth an dieser Tradition darüber hinaus schätzt, ist, dass sie die von den anderen beiden vorgenommene Fixierung auf ein einziges Prinzip vermeide (MS, 24); mit ihrem übergeordneten Zweck der demokratischen Partizipation sei es stattdessen möglich, flexibel auf die historischen Gegebenheiten einzugehen und abzuleiten, welche Veränderungen für die Ermöglichung dieses Zwecks im Einzelnen notwendig sind (MS, 25).

Arbeit stellt für Honneth allerdings nicht nur eines von vielen kontributiven Gütern für den Zweck der demokratischen Partizipation dar; gute Arbeitsverhältnisse seien vielmehr – wie auch das allgemeine Wahlrecht, eine demokratische Öffentlichkeit oder das Schulwesen – dessen notwendige Voraussetzung (MS, 18, 123).[5] Wie mit Verweis auf die sog. spillover-These bereits ausgeführt, vertritt Honneth das Argument eines notwendigen Ergänzungsverhältnisses von fairer Arbeitsteilung und politischer Demokratie (MS, 19). Dafür seien insbesondere fünf Dimensionen ausschlaggebend: eine Arbeitstätigkeit wirke sich auf demokratische Partizipation in ökonomischer, zeitlicher, psychologischer, sozialer sowie sachlicher Hinsicht aus (MS, 40-47, 145).[6] Und diese vier Dimensionen liefern Honneth zugleich Kriterien, welche erlauben, die Güte einer Arbeit mit Blick auf demokratische Partizipation zu beurteilen: Wer wirtschaftlich abhängig, zeitlich eingeschränkt, ohne (durch soziale Anerkennung gewonnene) Selbstachtung, ohne Übung in kooperativen Verhaltensweisen und ohne anregend-fordernde Arbeitstätigkeit ist, sei auch verhindert, sich autonom und selbstbewusst am Prozess der demokratischen Willensbildung zu beteiligen (MS, 145). Daher ist es dieser Argumentation entsprechend nur folgerichtig, wenn Honneth sagt, dass „jede Demokratietheorie einen großen Fehler [begeht], die die Arbeitsverhältnisse einer Gesellschaft nicht als einen zentralen Bestandteil ihres eigenen Gegenstandsfeldes betrachtet“ (MS, 48).

Ein inklusiver Arbeitsbegriff

An die Verteidigung dieses ‚demokratischen‘ Ideals freier Arbeit knüpft auch Honneths Bestimmung eines angemessenen Arbeitsbegriffs an. Erst damit sei es möglich, diejenigen Tätigkeiten festzulegen, welche für eine Demokratisierung der gegenwärtigen Arbeitsverhältnisse überhaupt anzuvisieren sind (MS, 50). Wie eben gesehen, lehnt Honneth den ‚klassischen‘ handwerklichen Arbeitsbegriff als exklusiv ab, weil dieser, wie auch der von der Fabrikarbeit inspirierte alleinige Fokus auf die Erwerbsmäßigkeit von Arbeit, unzählige Arbeitstätigkeiten ausschließe, die für die soziale Reproduktion unerlässlich seien (MS, 59f.). Das Paradebeispiel damit marginalisierter Arbeit ist selbstverständlich die Arbeit im privaten Haushalt, welche historisch stets unvergütet von Frauen geleistet wurde, aber auch andere sorgende, landwirtschaftliche, administrative oder Dienstleistungstätigkeiten könnten damit je nach Ausgestaltung aus dem Blick geraten (MS, 51, 56f.). Ein angemessener Arbeitsbegriff müsse stattdessen einem umfassenderen Verständnis von sozialer Reproduktion angepasst werden (MS, 61f.). Als Arbeit hätten dann all diejenigen Tätigkeiten zu gelten, welche die „gegenwärtig für wertvoll gehaltenen Bestandteile des sozialen Lebens“ erhalten, bzw. „die nach gemeinschaftlich geteilter Überzeugung dem Wohle der ganzen Gesellschaft dienen“ – Tätigkeiten also, welche einen nicht allein über den Markt bemessenen Bedarf befriedigen (MS, 60ff.). Dies ist es, was Honneth unter dem Begriff der „gesellschaftliche[n] Arbeit“ im Sinne von „gesellschaftlich notwendiger“ Arbeit fasst (MS, 63, Herv. LMJ).

Fokus Arbeitsteilung

Dieser Fokus auf die geteilten Normen einer sozialen Gemeinschaft prägt auch Honneths an seinen Arbeitsbegriff angepassten Überlegungen zur Arbeitsteilung, welche für sein Projekt einer Demokratisierung der Arbeit eine Schlüsselstellung einnehmen. In diese möchte er nicht nur „alle irgendwie reproduktionsnotwendigen Verrichtungen“ im eben erläuterten Sinne einbeziehen (MS, 49). Vielmehr komme es auch darauf an, dass den Menschen das Ineinandergreifen der Tätigkeiten in der Arbeitsteilung tatsächlich bewusst ist (MS, 7, 20, 102). Damit liegt sein Fokus auf dem Bereich, der für die Gesellschaftsmitglieder potenziell „erlebbar“ ist (MS, 103). In ihrer Funktion der Konstitution sozialer Beziehungen bildet die Arbeitsteilung für Honneth den Ausgangspunkt für eine Demokratisierung der Arbeitswelt: Die Arbeitswelt sei dann als demokratisierbar zu verstehen, wenn nicht die Arbeitstätigkeiten selbst in den Blick genommen würden, sondern in ihrem Zusammenwirken in der sozialen Arbeitsteilung (MS, 102f.). Geboten sei nicht nur die Verbesserung einzelner Arbeitstätigkeiten, sondern vordergründig die Reorganisation der sozialen Arbeitsteilung (ebd.).

Folgerichtig räumt Honneth in diesem Zuge mit der gängigen Auffassung auf, dass eine gegebene soziale Arbeitsteilung alternativlos sei, weil sie sich aus den technischen Erfordernissen der Produktivitätssteigerung ergebe bzw. Ergebnis freiwilliger Entscheidungen oder Berufswahl sei (MS, 104).[7] Diese muss er zurückweisen, würde sein Fokus auf die Verbesserung der Arbeitsteilung andernfalls doch ins Leere laufen (ebd.). Zum einen könne die Annahme einer freiwilligen Berufswahl und Verteilung auf die verschiedenen Arbeitsfelder nicht aufrechterhalten werden, da weiterhin folgenreiche Ideologien über die Tauglichkeit bestimmter Gruppen für bestimmte Tätigkeiten bestünden und zudem die Sozialisationserfahrungen der Gesellschaftsmitglieder zu stark auseinanderklafften, sodass eine solche Freiwilligkeit schlicht nicht existiere (MS, 105ff.). Zum anderen sei die Gestalt einer bestehenden Arbeitsteilung keineswegs lediglich Produkt technologischer Zwänge der Produktivitätssteigerung, sondern immer auch, wie historische Studien belegten,[8] Ergebnis politischer Interessenkämpfe (MS, 108-117).

Eine „demokratische Politik der Arbeit“

Mit dieser Klarstellung ist der Weg frei für Honneths Vorhaben, zu prüfen, auf welche Weise die gegenwärtige soziale Arbeitsteilung durch politische Maßnahmen demokratisiert werden kann. Eine solche „demokratische Politik der Arbeit“ trage mit Hilfe zweier „Hebel“ zu einer Verbesserung der Arbeitsteilung dahingehend bei, dass diese die allgemeine Einbindung des ‚arbeitenden Souverän‘ in den demokratischen Willensbildungsprozess ermögliche (MS, 132). Das sind zum einen alternative Verteilungs- und Organisationsweisen gesellschaftlicher Arbeit als die Allokation über den Arbeitsmarkt, etwa durch das Genossenschaftswesen oder (zeitlich begrenzte) staatliche Dienstverpflichtungen; zum anderen die direkte Verbesserung der Arbeitsbedingungen – insbesondere die Absicherung von Arbeitsverhältnissen über das sog. Normalarbeitsverhältnis und die damit einhergehenden rechtlichen Absicherungen, aber auch die Umgestaltung bestimmter Berufstätigkeiten hin zu mehr Komplexität oder die Organisation bestimmter Tätigkeiten in Gruppenarbeit (ebd.).

Wider die Tücken des klassischen Arbeitsbegriffs?

Um in Anschluss an diesen Überblick noch einmal auf die eingangs erwähnte Kritik Beate Rösslers Bezug zu nehmen, der zufolge Honneth der Kategorie Arbeit selbst nicht genug Aufmerksamkeit schenke, lässt sich festhalten, dass diese spätestens mit den WBL ins Leere führt. Denn mit diesen liefert Honneth genau das, was Rössler gefordert hatte: eine normative Theorie der Arbeit. Auch er vertritt nun die Position, dass eine jede Demokratietheorie die Arbeitsverhältnisse berücksichtigen und die Diskrepanz zwischen dem Ideal freier Arbeit und der sozialen Wirklichkeit der Arbeit, die viel zu häufig eine „Gegenwelt“ zur Demokratie bilde, aufgreifen muss (MS, 118). Die Sorge, sich auf diese Weise eines unzulässigen Perfektionismus schuldig zu machen (2007, 359), legt er ab und geht über die skeptische Position hinaus, welcher zufolge lediglich auf die Rahmenbedingungen der Arbeit geachtet werden müsse.

Eine gewisse Skepsis bleibt aber doch bestehen. So ist, was ihn in den WBL umtreibt, nicht mehr, dass mit der Theoretisierung des Werts der Arbeit grundsätzlich vorgeschrieben würde, worin Menschen ihre Selbstverwirklichung finden sollen. Dieses Mal sorgt ihn aber die Gefahr, dass mit der Festlegung eines substanziellen Ideals der Arbeit – Arbeit als Wert an sich – längst nicht alle Arbeitstätigkeiten abgedeckt werden könnten, die Menschen täglich leisten und die damit Teil der sozialen Reproduktion sind. Das Paradigma, das Arbeit einen intrinsischen Wert zuspricht, sei somit kein akzeptabler Ausgangspunkt für das Projekt einer Demokratisierung der Arbeitswelt. Doch der reine Fokus des ‚republikanischen‘ Paradigmas auf die Rahmenbedingungen der Arbeit, die Abwesenheit von willkürlicher Herrschaft, reiche auch nicht aus, wie auch die Berücksichtigung von subjektiven Einschätzungen der Güte der Arbeit keine Option sei. Daher Honneths Befürwortung der Tradition, die Arbeit einen kontributiven – insofern indirekten – Wert zuspricht, und sodann sein Fokus auf das Ergänzungsverhältnis von Arbeit und demokratischer Partizipation.

Was diese Überlegungen ebenfalls verdeutlichen, ist, dass Honneth den Begriff der Arbeit in enger Verbindung mit dem Wert der Arbeit diskutiert. Denn, wie gesehen, geht er für die Entwicklung seines Arbeitsbegriffs von den verschiedenen Idealen der Arbeit aus. Um den Tücken klassischer Arbeitsbegriffe zu entkommen, möchte er das Ideal und damit den Begriff der Arbeit so bestimmen, dass keine gesellschaftlich notwendigen Tätigkeiten vom Radar fallen. Mit dem lobenswerten Versuch, über diese Festlegung des Werts der Arbeit einen möglichst inklusiven Arbeitsbegriff zu formulieren, werden der Theoretisierung der Arbeit aber zugleich Grenzen gesetzt. Sowohl hinsichtlich des Wertes als auch des Begriffs der Arbeit bleiben mit Blick auf die politiktheoretische Integration der Kategorie daher eine Reihe von Fragen offen, die hier abschließend ausgeführt werden sollen.

Zu Honneths Ideal der Arbeit

Ein erstes Problem von Honneths Ausführungen zum Ideal der Arbeit betrifft seine Annahme, dass Arbeit nach keinem einheitlichen intrinsischen Ideal normativ beurteilt werden könne, weil längst nicht alles, was dieser Definition nach darunterfallen muss, ihm angepasst werden könne. Geht man dabei von dem klassischen produktzentrierten, handwerklichen Arbeitsbegriff aus, leuchtet ein, was Honneth meint: selbstverständlich werden mit diesem die meisten Arbeitstätigkeiten nicht erfasst und selbstverständlich kann daher nicht von allen Arbeitstätigkeiten gefordert werden, sie müssen diesem Ideal entsprechen. Die wenigsten Arbeiten stellen heutzutage noch ‚ganzheitlich‘ ein Produkt im herkömmlichen Sinne her, wie Honneth selbst dezidiert nachvollzieht (MS, 60ff.). Wenn man sich allerdings etwas von dieser klassischen Vorstellung löst und lediglich meint, dass Arbeit irgendwie als erfüllend erlebbar sein müsse, scheint Honneths Ablehnung eines solchen Werts der Arbeit weniger nachvollziehbar. Es ist dann weniger verständlich, weshalb man sich bei einigen Tätigkeiten wie denen im Dienstleistungsbereich nicht einmal vorstellen können solle, dass sie die „eigenen Fähigkeiten und Talente ungezwungen zum Tragen bringen“ könnten (MS, 21).

Die Krux für Honneth ist allerdings, dass mit diesen Kriterien keine subjektive Einschätzung gemeint sei, sondern die „Erfüllung eines ‚objektiven‘ Standards“ (MS, 21) – zumeist die Realisierung ‚typisch menschlicher‘ Fähigkeiten, etwa Kreativität, Gestaltungskraft oder Planungsvermögen. Und weil längst nicht klar sei, was genau darunterfalle, sei es stark abhängig von der Breite der Definition, wie viele „Arbeitstätigkeiten […] überhaupt noch als potenzielle Kandidaten für ein entfremdungsloses Arbeiten angesehen werden dürfen“ (ebd.). Seine Sorge vor einem „ethischen Perfektionismus, der die normativen Ansprüche so hochgeschraubt hat, dass sie auf die Mehrzahl der auch in Zukunft zu verrichtenden Tätigkeiten keine Anwendung mehr finden können“ (ebd.), ist daher nur gerechtfertigt, wenn bei diesem Paradigma in der Tat ein sehr hoher Standard angelegt werden muss. Da dies aber nicht der Fall zu sein scheint, wie sich anhand von Beate Rösslers pragmatischem Entfremdungsbegriff zeigen lässt, ist nicht plausibel, weshalb ‚sinnerfüllt‘ als Kriterium von ‚nicht-entfremdet‘ bei manchen Tätigkeiten per se nicht erreicht werden könne (MS, 12).

So versteht Rössler ‚entfremdet’ primär als ‚fremdbestimmt‘. Die klassisch zum Entfremdungsbegriff gehörende Idee der Vergegenständlichung interpretiert sie als – mitunter abstrakte – Vergegenständlichung der eigenen Individualität, als Anwendung oder Verwirklichung der eigenen Fähigkeiten und Ideen. Etwa das Kriterium ‚Verwirklichung der eigenen Fähigkeiten‘ verweist bereits darauf, dass auf diese Weise eine breitere Auslegung des Entfremdungsbegriffs möglich sein kann: die Tätigkeit der Baustoffprüferin, die Honneth als Beispiel heranzieht (MS, 21), ließe sich damit durchaus als potenziell ‚sinnvoll‘ gestaltbar vorstellen, da mit ihr erlernte Fähigkeiten vollzogen werden. Und bei pflegenden Berufen lassen sich erworbene Fertigkeiten etwa im Vollzug spiegeln, zum Beispiel derart, wie es Hannah Arendt von den virtuosen Tätigkeiten, den Künsten annimmt (Arendt 2007, 262). Auch dies kann mit Rössler auf einer basalen Ebene als Einbringen der eigenen Fähigkeiten und Ideen in den Arbeitsprozess verstanden werden (Rössler 2012, 527ff.). Eine pragmatische Begriffsverwendung des Entfremdungsbegriffs scheint Honneths Sorge ein Stückweit ausräumen zu können.

Eine weitere offene Frage betrifft den Inhalt des von Honneth verteidigten kontributiven Ideals der Arbeit. Weshalb, so lässt sich fragen, ist es gerade der Wert demokratischer Partizipation, für welchen Arbeit ein kontributives Gut darstellt? Selbstverständlich soll nicht geleugnet werden, was Honneth zum Ergänzungsverhältnis von Arbeit und Demokratie schreibt. Honneth räumt aber an keiner Stelle ein, dass es auch noch andere Kandidaten geben könnte, die diese Funktion einnehmen – etwa Autonomie. Beate Rössler (2012) macht beispielsweise deutlich, dass auch zwischen Arbeit und Autonomie ein solches Ergänzungsverhältnis besteht. Sie versteht den Wert der Arbeit zwar nicht explizit als einen kontributiven, aber es wäre Honneths Ausführungen entsprechend doch zumindest denkbar, dass sich der Wert der Arbeit in ähnlicher Weise mit Blick auf gelingende Autonomie – oder etwa Gerechtigkeit, Freiheit, Gleichheit – etablieren ließe. An einer Stelle scheint er die Möglichkeit solcher Alternativkandidaten selbst einzuräumen, wenn er auf Hegel rekurrierend von den „weiteren Freiheiten“ spricht, welche zu genießen Arbeit verhindern kann (MS, 30). Seine Ablehnung eines individualistischen Ansatzes sowie seine Skepsis hinsichtlich einer direkten Übertragung allgemeiner liberaler Werte auf die Arbeitswelt scheinen ihm diese Möglichkeit jedoch zu verbauen.

Das Problem an seinem starken Fokus auf den Aspekt von Arbeit, der sozialen Zusammenhalt schafft und damit, laut Honneth, konstitutiv für eine funktionierende Demokratie sei, ist jedoch, dass damit die Rolle der Arbeit zugleich unter- als auch überschätzt wird. Auf der einen Seite wird die Rolle der Arbeit überschätzt, weil Honneth die Relevanz der Arbeitswelt für die Möglichkeit demokratischer Partizipation möglicherweise überstrapaziert. So macht es mitunter den Anschein, als wolle Honneth sagen, dass demokratische Partizipation ohne die Teilnahme an der sozialen Arbeitsteilung überhaupt nicht möglich sei. Können nur arbeitende Bürger:innen demokratisch partizipieren, weil anderswo die nötigen Kooperativen Verhaltensweisen nicht erlernt werden können? Oder weil die Arbeitswelt den unabdingbaren Kontext darstelle, in welchem eine politische Gesinnung, die für eine funktionierende demokratische Partizipation erforderlich ist, überhaupt erlangt werden könne? Schließlich könne, laut Honneth, neben dem Nationalismus nur hier ein solches notwendiges „Gefühl gemeinsam geteilter Verantwortung und Lasten“ entstehen (MS, 124).

Abgesehen davon, dass es nicht notwendigerweise überzeugt, dass demokratische Partizipation ohne ein solches Gefühl unmöglich ist, scheint es zweifelhaft, dass die Arbeitsweilt in der Tat in der Lage ist, einen solchen wünschenswerten Gemeinsinn notwendig zu stiften. Denn die Konstruktion eines halbwegs geschlossenen Systems gemeinsam geteilter Verantwortung und Lasten kann schließlich auch zu antidemokratischen politischen Gesinnungen verleiten. Überdies steht das Argument der Arbeitswelt als notwendiger Voraussetzung demokratischer Partizipation Honneths Ausführungen entgegen, in denen er verdeutlicht, dass die Arbeitswelt oftmals gerade kein Ort sozialer Vermischung darstellt. Auch wenn Honneth die Verbesserung der Arbeitsbedingungen anvisiert, gerade um dieses normative Potential der Arbeitswelt zu realisieren, bleibt der Anschein bestehen, dass er das demokratische Potential der Arbeitswelt an einigen Stellen überhöht und übergeht, dass „der demokratische Souverän in der Mehrheit seiner Mitglieder [zwar] arbeitend tätig ist“ (MS, 48), aber eben nicht in seiner Gesamtheit.[9]

Auf der anderen Seite wird die Rolle der Arbeit unterschätzt, weil Honneth den Wert der Arbeit wiederum auf dessen Zuträglichkeit für demokratische Partizipation reduziert. Muss nicht aber auch die Möglichkeit eingeräumt werden, Arbeit auch darüber hinaus kritisieren und theoretisieren zu können? Warum soll die Lage der Beschäftigten ausschließlich mit Blick auf die Befähigung zur demokratischen Partizipation kritisierbar sein (u.a. MS, 19f.)? Es leuchtet ein, dass die Rechtfertigung einer politiktheoretischen Integration der Kategorie anhand dieses Arguments eines notwendigen Ergänzungsverhältnis sehr geradlinig funktioniert. Doch es bleibt unverständlich, warum die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten nicht direkt zum Gegenstand der Kritik gemacht werden können, erschöpft sich die Rolle von Arbeit doch nicht in ihrem Verhältnis zur demokratischen Partizipation. Auch hier stellt sich Honneths Skepsis hinsichtlich eines arbeitstheoretischen Individualismus folglich als einschränkend heraus (MS, 21f., 62). Denn es wäre doch wünschenswert, Arbeit aus je unterschiedlichen Gesichtspunkten kritisieren zu können – Autonomie, Gerechtigkeit, Entfremdung, Demokratie usf. Noch in einer weiteren Hinsicht scheint Honneth die spillover-These überzustrapazieren und in eine deterministische Klammer zu verwandeln: Es scheint in seinen Ausführungen kaum Raum für eine Demokratisierung von unten zu geben (MS, 45), und zwar auch wenn Honneth durchaus ausführt, dass eine Politisierung prekär Beschäftigter trotz des Elends ihres Arbeitsalltags zumindest nicht auszuschließen ist.[10]

Zu Honneths Begriff der Arbeit

Abschließend sei ein Blick auf Honneths Begriff der Arbeit geworfen und auf seinen Anspruch, eine maximal inklusive Definition von Arbeit zu liefern. Weil längst nicht alle Arbeitstätigkeiten so eingerichtet werden könnten, dass sie selbst einmal sinnstiftend oder selbstverwirklichend sind, richtet Honneth den Fokus auf die gesellschaftliche Anerkennung von Tätigkeiten als für die soziale Reproduktion wertvoll und notwendig. Arbeit ist damit, was zur Aufrechterhaltung von denjenigen Aspekten der Kultur beiträgt, die gesellschaftlich als wertvoll und daher erhaltenswürdig angesehen werden. Honneth selbst verweist auf eine erste mit seiner Definition zusammenhängende Schwierigkeit: Wo verlaufen die Grenzen der sozialen Gemeinschaft, über deren als schützenswerte betrachtete Aspekte Arbeit definiert wird? Und kann davon ausgegangen werden, dass in einer solchen überhaupt ein entsprechender Konsens besteht? Honneth begnügt sich ohne weitere Ausführung mit der Setzung, dass dies in der Tat angenommen werden könne (MS, 62f.). Damit bleibt aber nebulös, wie mit dieser Definition in praxi tatsächlich umgegangen werden kann – vor allem, wenn man diese Setzung infrage stellen möchte. Insbesondere die Annahme der Möglichkeit eines solchen Konsens kann ohne weiteres nicht überzeugen.[11]

Das Hauptproblem ist, dass das Kriterium ‚gesellschaftlich für wertvoll erachtet‘ nicht gleichbedeutend ist mit ‚reproduktionsnotwendig‘. Damit umfasst das, was gesellschaftlich als schützenswert anerkannt wird, nicht automatisch jegliche Arbeitstätigkeit, die von Menschen tatsächlich ausgeführt werden. Warum aber, so fragt auch Christine Wimbauer (2021, 5:37), soll Arbeit nur dann allgemeinen Standards der Ausführung genügen müssen, wenn sie das von Honneth verteidigte Kriterium erfüllt, also „einen gemeinschaftlich für wertvoll gehaltenen Zweck verfolg[t]“ (MS, 64)? Maximal inklusiv jedenfalls scheint Honneths Arbeitsbegriff damit nicht zu sein, hat doch das, was darin als Arbeit gilt, dem variablen und exklusiven Kriterium der gesellschaftlichen Anerkennung zu genügen.

Es ist im Grunde verwunderlich, dass Honneth dies nicht selbst stärker problematisiert, nimmt er die Hausarbeit als das Paradebeispiel nicht anerkannter Arbeit doch eigentlich als Ausgangspunkt für seinen Versuch, einen inklusiven Arbeitsbegriff zu entwickeln. Überdies ist er sich eindeutig darüber im Klaren, welche Rolle kulturelle Ideologien bei der Festlegung dessen spielen, was Arbeit ist (MS, 106ff.). Die Arbeit im privaten Haushalt ist in diesem Sinne gerade ein Beispiel dafür, dass die soziale Anerkennung einer Arbeitstätigkeit ein fragiler Maßstab für ihren normativen Status ist, wie auch Rössler ausführt (2012, 531). Es scheint daher wenig plausibel, der gesellschaftlichen Übereinkunft darüber, was als wertvoll gilt, einen so wichtigen Stellenwert bei der Definition von Arbeit zuzusprechen.[12] Überdies findet sein erweiterter Arbeitsbegriff in seinen Vorschlägen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen keinen großen Widerhall mehr, wird dort doch gar nicht mehr weiterverfolgt, wie die Arbeit in Haushalt und Pflege hierfür berücksichtigt werden müsste – wie Andrea Komlosy richtig bemerkt und Honneth eingesteht (Komlosy 2021, 1:21:42).

Fazit

Es ist, wie sich zeigt, alles andere als geradlinig, einen wie auch immer gearteten Wert und daran anknüpfend Begriff der Arbeit zu bestimmen. Feststeht jedoch, dass Arbeit ein entscheidender Faktor für die Realisierung einer Reihe von Normen ist, welche von der politischen Theorie für gewöhnlich verteidigt werden. Das kann entweder, mit Honneth, demokratische Partizipation oder, mit Rössler, Autonomie sein, aber auch weitere Kandidaten wie Würde, Gleichheit, Gerechtigkeit, Herrschaft oder Unversehrtheit kommen infrage.[13] Möglicherweise braucht es für eine entsprechende politiktheoretische Integration der Kategorie nicht einmal eine abschließende Definition dessen, was Arbeit ist und was nicht, oder eine Einigung auf einen wie auch immer gearteten Wert der Arbeit. Damit wäre zumindest eine Flexibilität gewonnen, die insbesondere für das heterogene und fluide Feld der Arbeit willkommen scheint. Essenziell ist jedenfalls die Berücksichtigung der Tatsache, dass die Arbeitswelt einen der maßgeblichen Kontexte darstellt, in welchen politiktheoretisch hochgehaltene Werte immer und immer wieder prekär werden und wo die Diskrepanz zum modernen Ideal der Freiheit oftmals am größten ist. In liberal-kapitalistischen Gesellschaften wirkt sich Arbeit mithin auf verschiedenste Lebensbereiche außerhalb der Arbeitswelt aus, wie sich so anschaulich bei Honneth lernen lässt. Diese oftmals konterkarierende Wirkung ist politiktheoretisch nicht trivial – zumindest, wenn die Arbeitswelt keine Sphäre bilden soll, für die diese Grundsätze plötzlich ihre Relevanz verlieren, wie sich in Analogie zur feministischen Ideologiekritik am Privaten festhalten ließe. Bleibt also zu fragen, ob Honneth mit seiner Ausgangsprämisse überhaupt recht hat und ein feststehendes Ideal der Arbeit notwendig ist, um die Arbeitswelt kritisieren zu können?

 

Der nächste Beitrag von Lara Kitzig erscheint an diesem Donnerstag, den 2. Juni in Form eines Literaturreview.

 

[1] Mein großer Dank gilt Prof. Axel Honneth, der so großzügig war und mir die Erlaubnis erteilte, aus seinem auf den WBL aufbauenden, aber überarbeiteten Manuskript (2022) zitieren zu dürfen. Dieses wird im Folgenden zitiert als „MS“. Ich freue mich riesig über diese Möglichkeit.

[2] S. die diskursdiagnostischen Ausführungen in den Vorbemerkungen zu diesem Blogprojekt sowie exemplarisch für die arbeitstheoretischen Ausführungen aus den Reihen des Anerkennungsparadigmas Hirvoren u. Breen (2020), Smith u. Deranty (2012), Schmidt am Busch (2011), Smith (2009) – N.B.: Arbeit war hier zunächst ein gern herangezogener Testfall für die Tragweite der Anerkennungstheorie und wurde erst nach und nach als eigenes Theorieproblem fokussiert. Es wird hier im Übrigen ein breites Verständnis von politischer Theorie angesetzt und nicht im Einzelnen unterschieden zwischen genuin politiktheoretischen, politisch-philosophischen oder sozialtheoretischen Unterfangen.

[3] Klassisch Pateman (1970); kritisch und für einen Überblick Carter (2006).

[4] Die Unterscheidung der drei Paradigmen im MS weicht von der Version in den WBL ab.

[5] Versteht sich, dass Honneth im Vorschlag eines bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) daher keine vielversprechende Option sieht, wird mit diesem doch das emanzipative demokratische Potential in der Befreiung von Arbeit gesehen (MS, 122ff.).

[6] In den WBL hatte Honneth noch von vier Dimensionen gesprochen.

[7] Diese Überlegung passt zur aktuellen Öffnung der politischen Theorie für Fragen der politischen Eingriffe in den Markt, s. Niesen u. Gosepath (2021).

[8] Honneth verweist hier lobend auf Piore u. Sabel (1989).

[9] Ähnlich Christine Wimbauer (2021) in ihrem Kommentar zu den WBL.

[10] Siehe für eine mögliche Demokratisierung von unten den Beitrag von Lukas Schilling, der im Rahmen des Blogprojekts unter dem Titel Verunsicherte Arbeit – Demokratisierung als Ausgang aus der Prekarität erscheinen wird.

[11] Einer wohlwollenderen Lesart nach geht es Honneth hierbei nicht um einen empirischen Konsens, sondern um einen kontrafaktisch anzunehmenden, welcher als normative Geltungsgrundlage einer Gesellschaft anzusehen ist.

[12] Diese Kritik funktioniert auch andersherum: Berufe, welche mit einem hohen Gehalt und somit oftmals auch mit einem hohen sozialen Status einhergehen, dienen wohl nicht unbedingt immer Aspekten der Gesellschaft, die tatsächlich allgemein für wertvoll und daher als notwendiger Teil der sozialen Reproduktion gehalten werden. Bei einer ganzen Reihe von gut bezahlten Tätigkeiten müsste vielmehr zur Debatte stehen, ob sie als von allgemeinem Interesse bzw. gesellschaftlich für wertvoll erachtet werden (sollten).

[13] S. etwa Wimbauer (2021), Deranty u. Renault (2012), Koller (2009), für die republikanische Sicht Gourevitch (2011).

 

Literatur

Arendt, Hannah (2007 [1960]): Vita activa oder Vom tätigen Leben, München: Piper.

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Koller, Peter (2009): Work and Social Justice, in: Analyse & Kritik 1, 5-24.

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Rössler, Beate (2012): Sinnvolle Arbeit und Autonomie, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 60(4), 513-534.

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Wimbauer, Christine (2021): Christine Wimbauer Response to Axel Honneth on “The Working Sovereign” Benjamin-Lectures 2021 (Day2) [Videodatei], Youtube, https://www.youtube.com/watch?v=Az33X9e9B4U [07.05.2022]


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