Lara Kitzig: Vier Anregungen, neu über Arbeit nachzudenken (1/2) (POLITISCHE THEORIE UND ARBEIT #2)

Die Politische Theorie beginnt gerade erst damit, das Thema Arbeit für sich wiederzuentdecken. In einem kleinen Literaturreview gibt Lara Kitzig Einblick in vier aktuelle Bücher zum Thema Arbeit. Dabei sind: Wirtschaftshistoriker Carl Benedikt Frey zur Konkurrenz zwischen Maschine und Mensch um Arbeitsplätze; Politikphilosophin Lisa Herzog zur sozialen Dimension von Arbeit und gerechter Teilhabe; Oliver Nachtwey und Nicole Mayer-Ahuja mit Portraits prekärer Arbeitsverhältnisse; und David Graeber zu Bullshit-Jobs, die nicht einmal die Innehabenden als gesellschaftlich nützlich identifizieren können.


I The Technology Trap

Carl Benedikt Frey: Bedrohen Maschinen unsere Arbeitsplätze? „Ja“, wenn sie menschliche Tätigkeiten ersetzen. „Nein“, wenn sie neue Tätigkeiten und Berufe erschaffen.

Frey schreibt über die Geschichte der technologischen und wirtschaftlichen Entwicklung seit dem 18. Jahrhundert und gibt seine eigene Antwort auf die wiederkehrende Frage, ob technologischer Fortschritt nun zum Verlust von Arbeitsplätzen führe, oder nicht. Seine Antwort: Ja und Nein. Er legt ein differenziertes Bild des Fortschritts dar und argumentiert, dass Technologie sich in der Geschichte seit der Industrialisierung auf zwei verschiedene Arten auf Lohnarbeit ausgewirkt habe.

Carl Benedikt Frey ist Ökonom, Wirtschaftshistoriker und Direktor des Programms Future of Work der Oxford Martin School. Seit 2019 ist er Mitglied des World Economic Forum’s Global Future Council on the New Ecnomic Agenda und seit 2020 Mitglied im Global Partnership on Artificial Intelligence der OECD, einer Initiative für den verantwortungsvollen Umgang und die Entwicklung von künstlicher Intelligenz. (Frey 2019b)

Industrielle Revolution I, Industrielle Revolution II, Computer-Revolution

Erfindungen könnten entweder Arbeitsplätze ersetzen, wie im Falle der ersten Industriellen Revolution ab etwa 1750 in England. Sie habe zu massiver Verelendung der Arbeiter*innenschaft geführt, begleitet von lautstarkem und zum Teil gewaltvollem Widerstand. Frey nennt diese historischen Fortschritte labor replacing. Maschinen hätten schwere und anspruchsvolle Tätigkeiten übernehmen können, nachdem diese in mehrere einfache Verarbeitungsschritte heruntergebrochen wurden. Vorherige Lohnarbeiter*innen seien entlassen und häufig durch Kinder ersetzt worden, die für einen Bruchteil des Lohns arbeiteten und die übrigen, einfachen Arbeiten erledigen konnten. (Frey 2019a, 92-94, 137-139)

Erfindungen könnten jedoch auch bestehende Tätigkeiten erleichtern oder dafür sorgen, dass ganz neue Tätigkeiten und Berufe entstehen, wie im Falle der zweiten Industriellen Revolution ab 1870 in den USA. Hier seien mit technischen Durchbrüchen in Elektrizität und Verbrennungsmotoren komplexere Maschinen für die Wirtschaft nutzbar geworden, die die Massenproduktion auf ein neues Level gehoben hätten. Mit ihnen entstanden viele neue, qualifizierte und besser bezahlte Verwaltungs- und Produktionsjobs, die Arbeiter*innen in die Städte zogen. Frey nennt diese Auswirkung von technischen Innovationen labor enabling. Einkommen stiegen insgesamt und weiten Teilen der US-amerikanischen Gesellschaft sei nach und nach die Teilhabe am Luxus der Konsumgesellschaft möglich geworden. Auch in gewöhnlichen Haushalten sei so ab dem 20. Jahrhundert heißes Wasser aus der Leitung oder eine Zentralheizung verfügbar gewesen, und mehr und mehr Haushaltsgeräte hätten das alltägliche Leben deutlich erleichtert. (Frey 2019a, 143-145)

Seit dem Beginn des Computer-Zeitalters in den 80ern zeige sich ein geteilter Effekt: Während hoch spezialisierte Jobs und mit ihnen Top-Einkommen stark ansteigen würden, würden mittlere Einkommen stagnieren und untere Einkommen sogar fallen – seit vier Jahrzehnten. Vor allem die Arbeitssituation für Menschen ohne College-Abschluss habe sich stark verschlechtert: Computer könnten nun immer mehr Routine-Tätigkeiten ausführen und unausgebildete Arbeitskräfte ersetzen. Übrig blieben wenige einfache und schlechter bezahlte Tätigkeiten als Alternativen; Geschwindigkeit und Umfang für mögliche Umschulungen steige ebenfalls an. Die Schere weite sich und hinterlasse Raum für Ressentiments und populistische Backlashs, so Frey. Er empfiehlt der Politik zuletzt, hier Brücken zu bauen und Menschen abzusichern, die sich in einer schneller werdenden Welt neu orientieren müssen. Denn der zweigeteilte Trend, so sein Ausblick für die Zukunft, werde sich in absehbarer Zeit so fortsetzen. (Frey 2019a, 223-225, 292-293)

Augen öffnend, westlich, konservativ

Freys Lektüre hinterließ bei mir das Gefühl eines Aha-Affekts: Endlich eine Struktur, die es erlaubt, das Verhältnis von Mensch und Maschine auf der Arbeit informiert zu betrachten. So wertvoll die Perspektive für mich ist, so sehr fehlt Frey jedoch die Passung von Themen wie Umweltzerstörung, stetigem Ressourcen- und Energieverbrauch wie auch der Subventionierung westlichen Wohlstands durch koloniale und postkoloniale Ausnutzung von billiger Arbeitskraft, Raub von Ressourcen, Rohstoffen und der Unterwanderung westlicher Arbeitsrechte und -standards. Frey betrachtet Wohlstand als materiellen Wohlstand und bejaht die Frage, ob Fortschritt uneingeschränkt wünschenswert ist. Bemerkenswert ist seine Ausführung zum materiellen Wohlstand heutiger Armut am Ende des 11. Kapitels. Auch fehlt die Perspektive, wie sich die Zusammenarbeit mit Maschinen und Algorithmen sozial und psychisch auf den Menschen ausgeübt hat und heute immer noch auswirkt. Die nächsten zwei Bücher werden hier eine wertvolle Ergänzung bieten.

 

II Die Rettung der Arbeit

Lisa Herzog: Arbeitsteilung und Wissen ist die kollektive Leistung unserer Gesellschaft. Mit der Digitalisierung haben wir die Chance, alle an ihren Früchten teilhaben zu lassen. Entscheidungen über digitalisierte Arbeit gehören in die Hände der Mitarbeiter*innen, deren Arbeit sie betreffen.

Herzog appelliert in ihrem Buch an Entscheidungsträger*innen, der Arbeit im Angesicht der Chancen und Risiken der Digitalisierung politisch aktiv zu gestalten. Ihr Appell: (1) wirtschaftliche Leistung als Ergebnis der kollektiven Arbeitsteilung und des gesellschaftlichen Wissens behandeln; (2) dezentrales Wissen und Erfahrung in Organisationen demokratisch nutzen, um die Arbeitswelt zu gestalten; (3) gute Arbeitsbedingungen für alle schaffen; (4) mehr Gleichheit zugunsten der Menschen und zuungunsten des Kapitals herstellen, und damit die Vertrauensbasis als Grundlage unseres Zusammenlebens erhalten und stärken.

Lisa Herzog ist Philosophin, Sozialwissenschaftlerin und Professorin für Politische Philosophie an der Universität Groningen. Durch ihre Doktorarbeit „Die Erfindung des Marktes – Smith, Hegel und die Politische Philosophie“ erlangte sie Bekanntheit in der Wissenschaft und Medienöffentlichkeit. Ihre Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet. Ihr seit kurzem nicht mehr neustes Buch ist ein politischer Aufruf zur „Rettung der Arbeit“. (Reckow)

Individuelle Leistung fußt auf gesellschaftlicher Gesamtleistung

Technische Errungenschaften und Wohlstand sind für Herzog eine kollektive Gesamtleistung unserer Gesellschaft. Zum einen die arbeitsteilige Gesamtleistung: indem sich ein Teil der Gesellschaft um Reproduktionsarbeiten z.B. im Bereich Bildung, Medizin, Pflege, Logistik oder Nahrung kümmere, seien andere Teile der Gesellschaft frei, sich wirtschaftlichen Tätigkeiten zuzuwenden. Wenn wir über wirtschaftliche Erfolge und exorbitante Gehälter einzelner herausragender Persönlichkeiten sprächen, würden wir häufig vergessen, dass ihnen gesamtgesellschaftlich der Rücken freigehalten wird. (Herzog 2019, 34-43) Zum anderen würde bei der Herausstellung der Leistung einzelner Personen vergessen, dass auch Forschung und technische Entwicklung kollektive kumulative Leistungen sind. Sie entständen auf über Jahrhunderte lang gereiftem theoretischem Wissen in Wechselwirkung mit praktischem Wissen, auf dem weiter aufgebaut werden könne. Wenn Erfinder*innen von Unternehmen als Genies bezeichnet würden, denke niemand z.B. an die dafür notwendige Erfindung des Internets, der Elektrizität zur Betreibung der Maschinen oder das wiederum notwendige physikalische Grundlagenwissen für Elektrizität. (Herzog 2019, 38-39)

Demokratie braucht Gleichheit

Fairness bedeute, den Wohlstand gerecht zu teilen, gemessen an der kollektiven und individuellen Leistung. Fairness und Gleichheit seien die Grundlage einer funktionierenden Demokratie, ohne sie funktioniere sie nicht. Je unfairer Menschen Tauschbeziehungen wahrnähmen, desto eher neigten sie dazu, sich Gerechtigkeit anders zu verschaffen – z.B. durch eine niedrige Arbeitsmoral, Diebstahl oder Sabotage. Gesellschaften würden durch den Wunsch seiner Mitglieder zusammengehalten, einen Beitrag zu ihr zu leisten. Diese gesellschaftliche Solidarität und das Vertrauen in eine gerechte Arbeitsteilung ständen auf dem Spiel, wenn wir den Weg der Ungleichheit weiter gehen. (Herzog 2019, 57–63) Daher plädiert Herzog dafür, auch in der Wirtschaft demokratische Prinzipien zu erproben und das Prinzip Hierarchie hinter uns zu lassen. Mit Wirtschaftsdemokratie könne man die oft destruktive Entscheidung für kurzfristige Gewinne einzelner Entscheider*innen in Organisationen einhegen und zum Wohle der Organisation und gute Arbeit entscheiden (Herzog 2019, 155-159). Mit der Digitalisierung sei eine breite Partizipation jetzt so greifbar wie noch nie. Sie müsse jedoch politisch gestaltet statt wie aktuell den Entscheidungsträger*innen großer Organisationen überlassen werden. (Herzog 2019, 82-91)

Arbeit ist soziale Teilhabe an der Gesellschaft

Die soziale Dimension von Arbeit macht Herzogs Buch stark. Wollen wir eine Gesellschaft, die durch Vertrauen und Solidarität geprägt ist, oder eine, in der wir uns durch Kontrolle absichern müssen? Für Herzog ist es sowohl fair als auch unverzichtbar, Menschen auf der Arbeit mehr zu beteiligen, denn über Arbeit läuft ein großer Teil der sozialen Teilhabe an der Gesellschaft. Sie plädiert daher für mehr Experimente mit Formen der Beteiligung in der Wirtschaft. Gleichzeitig erreicht das die Menschen vielleicht zu spät, die ganz unten in der Arbeitshierarchie stehen: prekär Beschäftigte, Subsubsubunternehmer*innen und Zuliefer*innen für Marktgrößen, Arbeitsmigrant*innen oder Saisonarbeiter*innen. Sie gehören zu den äußersten Rändern der Belegschaft, die wahrscheinlich als letztes an unternehmerischen Entscheidungen beteiligt werden. Die Grenze markiert die Zugehörigkeit zum Unternehmen. Wirtschaftsdemokratie als Zukunft klingt richtig, gleichzeitig braucht auch jetzt schon politische Hilfe.

 

III Leistungsträger*innen

Oliver Nachtwey & Nicole Mayer-Ahuja: Wir treten gesellschaftlich die Arbeiter*innen mit Füßen, die unersetzliche Arbeit für uns leisten.

Dieser Sammelband schließt an einen Begriff an, der vor allem während der Corona-Pandemie in den Medien neu verhandelt wurde: Systemrelevanz. Das Buch beleuchtet diejenigen Berufsgruppen, deren Arbeit für unsere Gesellschaft absolut notwendig ist. Die allermeisten hier dargestellten Berufe waren in Deutschland nie im Lockdown, hatten nie die Möglichkeit auf Home-Office und sind dem Risiko des COVID19-Virus direkt ausgesetzt. Gleichzeitig wurden sie und ihre Leistungen für die Gesellschaft bis dato kaum wahrgenommen, gewürdigt oder angemessen bezahlt.

Oliver Nachtwey ist seit 2017 Professor für Sozialstrukturanalyse an der Universität Basel. 2016 erlangte er mit seinem Buch „Die Abstiegsgesellschaft – Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne“ Bekanntheit in der Fachpresse und Medienöffentlichkeit. Nachtwey bringt den Klassenbegriff zurück in die moderne Gesellschaft. Mit Nicole Mayer-Ahuja, ehemalig an der Uni Hamburg und heute Arbeitssoziologin und Professorin an der Universität Göttingen gab er 2021 das Buch heraus. (Universität Basel; Georg-August-Universität Göttingen)

Prekäre und unverzichtbare Arbeit

Das Buch ist ein Sammelband mit 22 Portraits prekärer, systemrelevanter Berufstätiger, zusammengetragen aus Forschungen in der Schweiz und Deutschland. Menschen wurden nach ihren Berufen und Situationen befragt und haben ihre Geschichten erzählt. Portraitiert wird zum Beispiel eine Arbeitsmigrantin, die in der 24-Stunden-Pflege weit unter Mindestlohn und vorbei an deutschen Arbeitsstandards arbeitet, oder auch ein europäischer Saisonarbeiter in der Landwirtschaft, der um die Auszahlung seines Lohnes – nach Abzug vermeintlicher, hoher Kosten Wohnen und Essen – bangen muss. Sie erzählen auch die Geschichte eines Geflüchteten in der Schweiz, dessen Duldung an seinen Job hinter den Kulissen eines Restaurants gebunden ist und ihn in eine höchst ungleiche Position zu seinem Chef stellt, und die Geschichte eines Essenskuriers für einen Smart Delivery Dienst, dessen Arbeit durch eine App, permanenten Standortzugriff, automatisierte Anrufe und SMS bestimmt wird. Mal mehr oder weniger gibt es dazu gesellschaftliche Hintergrundinformationen oder Einordnungen, je nach Autor*in der Portraits. Die genannten Berufe stammen aus den Bereichen Sorgearbeit, Gesundheit, Ernährung, Warenlogistik, Hygiene und Mobilität.

Leistung und Klassengesellschaft

Systemisch sehen Nachtwey und Mayer-Ahuja eine deutsche Entwicklung seit den 80er Jahren mit Helmut Kohl als Kanzler, in der der Begriff Leistung umdefiniert und systemrelevante Arbeit an Ansehen und Wertschätzung verloren habe. Leistung sei zunehmend als individueller, ökonomischer Erfolg bewertet worden, der zurecht mit mehr Lebenschancen, Reichtum und Macht belohnt werde. Die gesellschaftlichen Voraussetzungen für individuelle Leistung seien seitdem aus dem Blick verloren gegangen: öffentliche Infrastrukturen und soziale Absicherungen, das soziale und familiäre Umfeld oder auch das eigene ökonomische, soziale und kulturelle Kapital. (Mayer-Ahuja und Nachtwey 2021, 19–20) Wie auch in vorherigen Werken verfolgen Nachtwey und Mayer-Ahuja die Spuren kapitalistischer Gesellschaften und erneuern den Klassenbegriff für die heutige Zeit. Die Protagonist*innen des Buchs seien durch (alle) drei vom US-Klassentheoretiker Erik Wright beschriebenen Mechanismen benachteiligt: (1) die individuellen Fertigkeiten und aktuelle individuelle Position in der Gesellschaft, (2) die Hierarchie der Jobs und ihres Ansehens, von denen Menschen aus unteren Klassen systematisch-institutionell ausgeschlossen würden, und (3) die Stellung innerhalb der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, die bestimme, wo Macht liege und wo ausgebeutet werde. Gleichzeitig sei die politische Arbeiter*innenklasse nicht einheitlich, sondern stünde selbst in Konkurrenz zueinander um jene prekären Jobs. Die Autor*innen weisen auf die fehlende soziale Mobilität zwischen den Hierarchieebenen hin und die Ohnmacht dieser unteren Klasse(n), diese Dynamik politisch zu verändern. (Mayer-Ahuja und Nachtwey 2021, 25–32; Wright 2015)

Eine Stimme für das Prekariat

Die beiden Herausgeber*innen tun, was sie versprechen: Sie geben denen Sichtbarkeit und Stimme, die sonst unsichtbar und wirtschaftlich underdogs sind. Ich wünsche mir Netflix-Serien, die solche Portraits in Serie in ihrem Wert für die Gesellschaft und der gleichzeitigen Tragik ihrer Situation darstellen. Es ist ein meinungsstarkes Buch ohne Raum für wirtschafts- oder neoliberale Gegenstimmen. Die gesellschaftlichen Strukturen verorten die beiden in westlichen kapitalistischen Gesellschaften und in einer Klassenstruktur, die sich wieder vermehrt spürbar negativ auf die untersten auswirkt. Die strukturelle Einbettung ist knapp und steht nicht im Fokus. Auch bleibt eine Richtungsweisung für die Politik aus. Wer hier weiterlesen möchte, wird bei früheren Werken Nachtweys und Mayer-Ahujas fündig.

 

IV Bullshit-Jobs

David Graeber: Die allermeisten Jobs in Management und Verwaltung sind vollkommen nutzlos, es sind Bullshit-Jobs. Und die meisten Menschen, die diese Jobs innehaben, wissen das.

Graeber schrieb nach eigenen Angaben im Jahre 2013 einen Artikel für die damals neue Zeitschrift Strike! und wurde darum gebeten, eine provokante These zu formulieren, die Aufmerksamkeit bringen würde. Der Artikel sei in kurzer Zeit auf mehreren Blogs und in mehreren Zeitungen über Ländergrenzen hinweg veröffentlicht und übersetzt worden. Graebers These ist, dass es in heutigen Gesellschaften zur Verbreitung von Bullshit-Jobs gekommen sei, Jobs, in denen Menschen eigentlich nichts zu tun hätten und die für die Gesellschaft und Unternehmen vollkommen nutzlos seien. (Graeber 2018, 11-13, 20)

David Graeber war Anthropologe aus den USA, Publizist und Aktivist, bekannt u.a. aus der Occupy-Wall-Street-Bewegung. Zuletzt lehrte er an der London School of Economics and Political Science. Im September 2020 verstarb Graeber im Alter von 59 Jahren. Er ist der Autor und dies ist das Buch, auf das in allen drei anderen Büchern namentlich, wenn auch kurz, Bezug genommen wurde. Seine These provoziert bis heute. (Cain 2020)

Fünf Typen von Bullshit-Jobs

Die Lektüre von Graebers Buch behält durchweg einen witzelnden, überzeichnenden und sarkastischen Charakter, was die Präsentation der Inhalte speziell macht. So beschreibt er fünf Typen von Bullshit-Jobs aus seinen Recherchen und Zuschriften, die allein schon ob ihrer Namen komisch klingen: Lakaien würden eingestellt, damit eine Organisation wichtiger aussähe, wie durch Empfangspersonal, unnötige Assistenzen oder unnötige Pförtner*innen. Schläger hingegen seien aggressive Jobs, die es nur gebe, weil andere sie auch besetzten: mit Soldat*innen, Lobbyist*innen, Telefonwerber*innen oder Unternehmensanwält*innen. Flickenschustern obliege es, Symptome eines fehlerhaften Systems zu überbrücken oder Schäden durch Vorgesetzte zu beseitigen, ohne dass sie dadurch das eigentliche Problem beheben (häufig Programmierer*innen, aber auch in Forschungsabteilungen). Kästchenankreuzer hingegen seien Personen, die den ganzen Tag mit Datenerhebungen, Aufbereitungen und Weitergabe beschäftigt seien; Daten, die niemand brauche und die häufig in der nächsten Schublade verschwänden. Aufgabenverteiler zuletzt seien unnötige Vorgesetzte, die im besten Fall die Untergebenen nicht bei der Arbeit stören, im schlimmsten Fall jedoch selbst Bullshit-Aufgaben schaffen und mit ihnen das Arbeitsleben der Betroffenen ohne Grund erschweren würden (Strategische Führungsposten ohne Budget und Entscheidungsgewalt, unkündbare und nicht mehr weglobbare Vorgesetzte, und harmlose Aufgaben für letzte wie auch erfundene Posten, die ihre eigentliche Arbeit (heimlich) erledigten). (Graeber 2018, 65–105)

Die Beschreibungen sind zum Schmunzeln, vor dem Hintergrund des großen Medienechos und der daraus entstandenen Diskussion bemerkenswert ebenso wie die Menge an Berichten von Menschen, die ihre eigenen, durchaus hochrangigen und gut bezahlten Jobs als Bullshit-Jobs bezeichnen würden. Auf ihnen basiert Graebers Theorie. Er bietet den sich seit Jahrzehnten aufblähenden Verwaltungs- und Managementapparat an, um dem Phänomen eine gesellschaftliche Dimension zu verleihen; ebenso die Nennung von zwei Umfragen in Frankreich und Holland, nach denen ganze 37-40% der Befragten ihren eigenen Job gesellschaftlich als vollständig nutzlos und irrelevant bezeichnen würden (Graeber 2018, 22-23, Kap. 5). Menschen hätten eine Intuition, was ein guter Job sei: einer, der dazu beitrage, ein vorhandenes Bedürfnis zu erfüllen oder das Leben von Menschen irgendwie verbessere; und sie würden Gutes tun wollen (Graeber 2018, 289).

Großer, gesellschaftlicher Schaden?

Der Schaden für die Menschen, die systematisch in ihrem Job, andere hinter das Licht führen, Schäden anrichten oder unsinnige Produkte unterstützt würden, und auch der Schaden für unsere Gesellschaften, sei relevant. Das wollte uns David Graeber, nach meiner Lesart mit auf den Weg geben, und verändern. Mit der Benennung von Bullshit-Jobs scheint Graeber einen wunden Punkt in westlichen Gesellschaften getroffen zu haben. Gleichzeitig bietet er in meinen Augen kein schlüssiges Argument an, mit dem sich der Ursprung dieses Phänomens greifen lässt. Auch der systematische Schluss von 250 Selbstberichten und Interviews über zwei nationale Umfragen in Europa hin zu einem gesellschaftlichen Problem kommt mir gewagt vor und bedarf einen ganzen Haufen mehr Forschung. Lässt man sich nicht von Graebers sarkastischem, überzogenen Tonfall abschrecken, wird man hier fündig an interessanten Ansätzen für vertiefende Forschung (mehr dazu im anschließenden Ausblick).

 

Der zweite Teil des Review erscheint am morgigen Freitag, 3. Juni mit einigen Anregungen für die Politische Theorie, die Lara Kitzig den heute vorgestellten Büchern entnimmt.

 

Literaturverzeichnis

Cain, Sian (2020): David Graeber, anthropologist and author of Bullshit Jobs, dies aged 59. The anarchist and author of bestselling books on capitalism and bureaucracy died in a Venice hospital on Wednesday. The Guardian. Online verfügbar unter https://www.theguardian.com/books/2020/sep/03/david-graeber-anthropologist-and-author-of-bullshit-jobs-dies-aged-59, zuletzt geprüft am 22.04.2022.

Frey, Carl Benedikt (2019a): The technology trap. Capital, labor, and power in the age of automation. Princeton, Oxford: Princeton University Press.

Frey, Carl Benedikt (2019b): Website zum Autor. Online verfügbar unter www.carlbenediktfrey.com, zuletzt aktualisiert am 2019, zuletzt geprüft am 07.04.2022.

Georg-August-Universität Göttingen (Hg.): Prof. Dr. Nicole Mayer-Ahuja. Institut für Soziologie. Online verfügbar unter https://www.uni-goettingen.de/de/495479.html, zuletzt geprüft am 26.04.2022.

Graeber, David (2018): Bull Shit Jobs. Vom wahren Sinn der Arbeit. Stuttgart: Klett-Cotta.

Herzog, Lisa (2019): Die Rettung der Arbeit. Ein politischer Aufruf. München: Hanser Berlin.

Mayer-Ahuja, Nicole; Nachtwey, Oliver (Hg.) (2021): Verkannte Leistungsträger:innen. Berichte aus der Klassengesellschaft. Berlin: Suhrkamp.

Reckow, Miriam: Lisa Herzog. Politische Philosophinnen der Gegenwart. Carl von Ossieztky Universität Oldenburg. Online verfügbar unter https://wp.uni-oldenburg.de/politische-philosophinnen/lisa-herzog/, zuletzt geprüft am 26.04.2022.

Universität Basel (Hg.): Prof. Dr. Oliver Nachtwey. Department Gesellschaftswissenschaften – Soziologie. Online verfügbar unter https://soziologie.philhist.unibas.ch/de/personen/oliver-nachtwey/, zuletzt geprüft am 26.04.2022.

Wright, Erik Olin (2015): Understanding class. London, New York: Verso.


Hier geht es zu Teil 2/2 des Beitrags von Lara Kitzig

Und hier zu den Vorbemerkungen zum Blogprojekt POLITISCHE THEORIE UND ARBEIT

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