Leon Abich über Michel Foucault in Hamburg – Part I: Einführung in Kants Anthropologie

Michel Foucault leitete von 1959 bis 1960 das Hamburger Institut Français. Im Gepäck hatte er zwei unfertige Manuskripte, die er in dem Hamburger Jahr weitgehend beendete. Der folgende Beitrag widmet sich seiner Einführung in Kants Anthropologie (Paris 2008, dt. Berlin 2010), die er zusammen mit einer Übersetzung von Kants Schrift als akademische Qualifikationsarbeit einreichte. Erschienen ist auch ein weiterer Beitrag von Susanne Krasmann zu Foucaults erstem Hauptwerk, Wahnsinn und Gesellschaft, dessen abschließende Überarbeitung ebenfalls in Hamburg stattfand.

Leon Abich studiert seit 2016 im Bachelorstudiengang Sozial- und Bewegungswissenschaften auf Lehramt in Hamburg.


Als Michel Foucault im Oktober 1959 als neuer Direktor des Institut Français in Hamburg vorgestellt wurde, ahnte noch niemand, welch intellektuelle Sprengkraft sein Werk bis heute entfalten würde. Nachdem er drei Jahre in Schweden und ein Jahr in Polen geforscht und gelehrt hatte, zog er für ein Jahr in die Direktorenwohnung des Institut Français in Hamburg. In diesem Jahr arbeitete Foucault an der Endfassung seiner Histoire de la folie (dt. Wahnsinn und Gesellschaft) sowie an seiner Einführung in Kants Anthropologie, die er als thèse principale und thèse complémentaire für seinen „doctorat d’état“[1] in Frankreich einreichen musste. Darüber hinaus bot er an der Universität Hamburg Lehrveranstaltungen zu Sartre, Camus und dem politischen Denken des 18. Jahrhunderts an[2].

Auch wenn Foucaults Histoire über die „große Gefangenschaft“[3] der Wahnsinnigen im Zuge des Aufkommens der medizinisch-psychiatrischen Rationalität in der Mitte des 17. Jahrhunderts als sein erstes Hauptwerk erschienen ist, ist der Bedeutungsgehalt seiner Kant-Lektüre für seine eigene Theorieproduktion nicht zu unterschätzen. Wie im Folgenden gezeigt werden soll, hat der französische Philosoph Gilles Deleuze nicht umsonst in den 1980er Jahren bei Foucault einen „eigentümlichen Neukantianismus“[4] erkennen können – das Jahr in Hamburg, in dem er an der Einführung und Übersetzung von Kants Anthropologie gearbeitet hat, ließe sich demnach sinnvollerweise als „Kant-Jahr“[5] bezeichnen.

Dieser kleine Text von Foucault hat ein eindeutiges Programm: Er untersucht das Verhältnis von Kants Kritik[6] zu Kants Vorlesungen zur Anthropologie mittels einer „genetischen“ und einer „strukturalen“ Analyse und formuliert die Frage, ob „ganz am Fundament der Kritik, ein gewisses konkretes Bild vom Menschen“[7] stand. Während die „genetische“ Perspektive die Interferenzen des Textes und den Entwicklungsverlauf der Anthropologie untersucht, widmet sich die „strukturale“ Analyse der Beziehung von Anthropologie und Kritik und bildet damit den Hauptteil seiner Untersuchung.

Sowohl die Anthropologie als auch die Kritik liest Foucault also im Hinblick auf die Beziehung des kantischen Projekts einer Kritik der reinen Vernunft, die als Kritik der reinen Vernunft und Kritik der reinen Vernunft die Vereinigung von Gegenstand und Mittel darstellt, mit einer Anthropologie, die auf den ersten Blick als „Sammlung empirischer Beobachtungen […] keinen »Kontakt« mit einer Reflexion der Bedingungen der Erfahrungen“[8] zu haben scheint. Da es in beiden Texten keinen unmittelbaren Verweis auf die jeweils andere Reflexionsform gibt, sucht Foucault in anderen Texten und Fragmenten Kants nach der unterstellten Parallelität von Anthropologie und Kritik und findet sie im Spätwerk: Die Analyse der letzten kantischen Frage in der kanonischen Passage der Logik-Vorlesungen und die Fragmente des Opus postumum sollen den Intensitätsgrad und die Art der Beziehung klären.

Dass die von Kant in der Jäsche-Logik gestellte Frage „Was ist der Mensch?“ als zentrale Referenz der drei weiteren Fragen „1. Was kann ich wissen? 2. Was soll ich tun? 3. Was darf ich hoffen?“[9] auftritt, dass Kant sie also als Bindungsinstitution positioniert, die den Bedeutungsgehalt der vorausgehenden Fragen in sich vereint, scheint die Anthropologie und ihre privilegierte Stellung als „oberste[n] Bezugspunkt der Philosophie“[10] auszuweisen. Foucault greift diese Passage auf und insistiert mit dem Verweis auf Kants Vorlesungen zur Anthropologie, „daß die Anthropologie, wie wir sie kennen, sich an keiner Stelle als Antwort auf die vierte Frage präsentiert, ja nicht einmal als empirische Erforschung dieser Frage in ihrer ganzen Breite“[11]. Wie also beantwortet Kant die Frage nach dem „Was“ des Menschen? Während die Anthropologie für Foucault hier keine Antwort gibt, glaubt er sie in den Fragmenten des Opus postumum Kants zu finden. In diesem späten Text von Kant wird der Mensch als Vermittlungsinstanz zwischen Gott und Welt eingesetzt, indem er beide Sphären – die göttliche und die weltliche – in sich vereint. Durch diese „Vereinigung* von Gott und Welt im Menschen“[12] konstituiert sich die Existenz des Menschen in einem Zwischen, in einem Innen, das zugleich Außen ist, und einem Außen, das zugleich Innen ist. Diese Synthese – der Mensch als Medium -, die als Binnenverhältnis die Souveränität des Denkens vorführe, kennzeichnet die Stellung des Menschen. Die Anthropologie als empirische wissenschaftliche Untersuchung nimmt demnach eine besondere Stellung in der Erforschung des Menschen ein: Der Mensch als Agent ist gleichzeitig Element der Untersuchung, er ist „zugleich Subjekt und Objekt der Erkenntnis, das heißt als erkennendes Subjekt auch selbst Gegenstand eines positiven Wissens oder, anders formuliert, empirisches Objekt positiver Wissenschaften und transzendentaler Ermöglichungs- und Begrenzungsgrund“[13]. Diese Einsicht in ein Spannungsverhältnis, das als solches Kräfteverhältnisse unterschiedlicher Wissenschaftsbereiche über den Menschen koordiniert und mit dem Foucault später das Entstehen moderner Subjektivierungsformen innerhalb der Humanwissenschaften untersucht, endet in der bekannten Formulierung des Menschen als einer „seltsame[n], empirisch-transzendentale[n] Dublette“[14] in Die Ordnung der Dinge.

Das Verhältnis von Anthropologie und Kritik ist also um die Frage nach dem Menschen organisiert: Das anthropologische Denken ist, so wie es im 18. Jahrhundert entstanden ist, nicht nur die Wissenschaft vom Menschen, sondern zugleich und genau deshalb, weil sie den Menschen als Gegenstand hat, die Wissenschaft von der Begründung und Begrenzung menschlicher Erkenntnis. Da sich die Anthropologie in ihrer Empirizität nicht selbst begründen kann, ist die Anthropologie auf die Frage der Kritik nach den apriorischen und endlichen Bedingungen der Erkenntnis angewiesen. Die Anthropologie muss die Kritik wiederholen, um die Positivität des Empirischen und die Bedingungen der Möglichkeit dieser Erkenntnisform zu reflektieren. Diese „anthropologico-kritische Wiederholung“[15] autorisiert ein Wissensfeld, in dem das positive Wissen sich über sich selbst befragt und damit die Grenzen seiner Produktion von Wissen über den Menschen einer Kritik unterzieht.

Die Kant-Lektüre im Rahmen der Arbeit an seiner thèse complémentaire scheint für Foucault während seines Aufenthalts in Hamburg also in zweierlei Hinsicht produktiv gewesen zu sein: Einerseits ist mit der Untersuchung der Kantischen Kritik und der Konfrontation der Kritik mit den Vorlesungen zur Anthropologie, mit der Betrachtung also, in welchem Zusammenhang die beiden Werke zueinander stehen und wie sich wechselseitig bedingen, ein Teil der Promotionsarbeit vollendet. Auch wenn Foucault seine Übersetzung von Kants Vorlesung erst 1964 veröffentlichte und nur mit einer kleinen historischen Notiz versah, lässt sich die Konzeption der ausführlichen Einführung in die Anthropologie auf die Zeit in Hamburg zurückdatieren[16], sodass die Veröffentlichung im Jahr 2008 auf seine Arbeit in Hamburg verweist. Andererseits zeigt sich die ausführliche Beschäftigung mit den Werken Kants in Foucaults Begriffsmodifikation des Kantischen „Apriori“, in dessen Sinnhorizont er das „historische Apriori“ als die Voraussetzung historischer Bedingungen für Erkenntnisvermögen entwickelt. Während Kants Apriori „Gültigkeitsbedingung für Urteile“ bezeichnet, ist das historische Apriori Foucaults „Realitätsbedingung für Aussagen“[17], das ein Kräftefeld des Sagbaren hervorbringt, in dem sich das Subjekt historisch konstituiert. Die Stellung des Subjekts bei Kant als aktive Einheit des Göttlichen und des Weltlichen, des Empirischen und des Transzendentalen überwindet Foucault, indem er mittels seiner historischen Methode die Genealogie des Subjekts, das heißt das Hervorkommen des Subjekts aus einer historischen Figuration untersucht. Man könnte sagen: Die Untersuchung der Kantischen Subjektivierung und damit der Einfluss von Kants Denken auf Foucault, lässt eine genealogische Betrachtung als realistisch erscheinen, die 1959 ihren Anfang in Hamburg nimmt und von der aus sich Foucault mit und gegen Kant interpretieren ließe.


[1] Defert, Daniel/Ewald, François/Gros, Frédéric: Vorwort. In: Foucault, Michel: Einführung in Kants Anthropologie: S. 7. Der „doctorat d’état“ entsprach vergleichsweise einer deutschen Habilitation.

[2] Nicolaysen, Rainer: Foucault in Hamburg. Anmerkungen zum einjährigen Aufenthalt 1959/60, S. 92.

[3] Foucault, Michel: Wahnsinn und Gesellschaft, S. 68-98.

[4] Deleuze, Gilles: Foucault, S. 86.

[5] Nicolaysen, Rainer: Foucault in Hamburg. Anmerkungen zum einjährigen Aufenthalt 1959/60, S. 107.

[6] Es ist unklar, ob Foucault sich hier auf die Kritik der reinen Vernunft bezieht oder ob er das dreibändige Projekt der Kritik von Kant ins Verhältnis mit Kants Anthropologie-Vorlesungen setzen will. Inhaltlich scheint es so als bezöge er sich auf die Kritik der reinen Vernunft, bis S. 50 taucht jedoch nur der Begriff Kritik auf. Mehrere Begriffsverwendungen wie z.B. die der Kritiken weisen darauf hin, dass Foucault eine Untersuchung über das gesamte Verhältnis des kritischen Projekts von Kant zur Anthropologie analysieren will.

[7] Foucault, Michel: Einführung in Kants Anthropologie, S. 15.

[8] Foucault, Michel: Einführung in Kants Anthropologie, S. 59.

[9] Kant, Immanuel: Logik. Ein Handbuch zu Vorlesungen, herausgegeben von Gottlob Benjamin Jäsche AA IX, S. 25.

[10] Hemminger, Andrea: Nachwort. In: Foucault, Michel: Einführung in Kants Anthropologie, S. 121.

[11] Foucault, Michel: Einführung in Kants Anthropologie, S. 69.

[12] Foucault, Michel: Einführung in Kants Anthropologie, S. 70. Mit Asteriskus markierte Stellen sind im Original deutsch.

[13] Hemminger, Andrea: Nachwort. In: Foucault, Michel: Einführung in Kants Anthropologie, S. 123.

[14] Foucault, Michel: Die Ordnung der Dinge, S. 384.

[15] Foucault, Michel: Einführung in Kants Anthropologie, S. 97.

[16] Nicolaysen, Rainer: Foucault in Hamburg. Anmerkungen zum einjährigen Aufenthalt 1959/60, S. 108.

[17] Foucault, Michel: Archäologie des Wissens, S. 184.

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