Hanseatische Friedens- und Sicherheitspolitik. David Weiß über Wolf von Baudissin, ‘Innere Führung’ und die Gründungsgeschichten von IFSH und HSU

Wolf Graf von Baudissin (1907-1993), ehemaliger Leutnant der Wehrmacht und späterer Bundeswehroberst, war einer der zentralen Protagonisten der Wiederbewaffnungsstrategie von Bundeskanzler Konrad Adenauer. Anfang der 1950er Jahre wirkte er entscheidend an der Entwicklung des Konzepts der „Inneren Führung“ und des Leitbildes des „Staatsbürgers in Uniform“ mit. In Hamburg verortet sich sowohl das Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik (IFSH), international vernetztes Partnerinstitut der Universität Hamburg, als auch die Helmut-Schmidt-Universität (HSU), mit rund 2 500 Studierenden und gut 100 Professuren eine der größten Hochschulen der Hansestadt, in der Tradition Baudissins. Ein Exkurs in die Entstehungsgeschichte und Gründungszeit zweier wichtiger Institutionen der Stadt, zweier Symbole nicht zuletzt für die – bis heute – herausfordernde Verortung Deutschlands in der internationalen Friedens- und Sicherheitsarchitektur nach 1945.

David Weiß studiert in Hamburg und Wien Politikwissenschaft.


Nur fünf Jahre nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht und der Befreiung Deutschlands durch die Alliierten im Mai 1945 hatte sich die Weltlage 1950 bereits grundlegend gewandelt. Auf deutschem Boden hatten im Jahr zuvor zwei feindlich gesinnte Staatsgründungen stattgefunden. Die atomar hochrüstenden USA und Sowjetunion konsolidierten ihre Blöcke, und die jahrzehntelange Konkurrenz der Systeme nahm spätestens mit dem im Sommer 1950 eskalierenden Koreakrieg ihren bei weitem nicht immer nur kalten Lauf. Vor diesem Hintergrund intensivierte das erste Kabinett Adenauers die Bemühungen um die Wiederbewaffnung Westdeutschlands. Eine elementare Komponente von Adenauers Strategie der Westintegration war der Aufbau deutscher Streitkräfte, in der auch eine Rehabilitation von als „unbelastet“ geltenden ehemaligen Angehörigen der Wehrmacht stattfinden sollte. Im Sommer 1950 gründete er unter strenger Geheimhaltung die ‚Zentrale für Heimatdienst‘, die eine Strategie zur Wiederbewaffnung erarbeiten sollte.

Auf Einladung der Zentrale trat am 5. Oktober 1950 eine folgenschwere Versammlung zusammen und konkretisierte die Pläne Adenauers. Vier Tage lang berieten ehemalige Wehrmachtsangehörige – darunter der ehemalige Leutnant der Wehrmacht Wolf Graf von Baudissin – im rheinland-pfälzischen Kloster Himmerod über die aktuelle Weltlage und Deutschlands außen- und verteidigungspolitische Rolle in Westeuropa.[1] In der Himmeroder Denkschrift, die Adenauer in der Folge des Treffens vorgelegt wurde und die in den kommenden Jahren bis zur Bundeswehrgründung und dem NATO-Beitritt der BRD 1955 als strategische Grundlage diente, loteten die rehabilitierten Militärs die Koordinaten für eine Wiederbewaffnung aus.

In Abschnitt I „Militärpolitische Grundlagen und Voraussetzungen“ forderte die Denkschrift – schon damals umstritten – ein Ende der „Diffamierung“ von Wehrmacht und Waffen-SS, außerdem die Freilassung verurteilter Kriegsverbrecher und die Einstellung schwebender Verfahren. In den folgenden Abschnitten wurde eine „grundlegende Betrachtung zur operativen Lage der Bundesrepublik“ vorgenommen und die „Organisation des deutschen Kontingents“, also die zukünftigen Truppengrößen und nötigen Materialbeschaffungen für Heer, Luftwaffe und Marine kalkuliert. Für Wolf von Baudissin, einen der jüngsten Teilnehmer der Konferenz, besonders entscheidend war jedoch der letzte Abschnitt der Denkschrift, Abschnitt V über das „innere Gefüge“ der neuen Streitkräfte. Schon in der Himmeroder Denkschrift wurde anerkannt, dass es „ohne Anlehnung an die Formen der alten Wehrmacht heute grundlegend Neues zu schaffen“ gäbe, es also eines neuen Ethos in den Streitkräften bedurfte: Kein Staat im Staate, keine primär territoriale nationale Bindung mehr, sondern Orientierung an der demokratischen Staatsbürgerschaft und der Zugehörigkeit zu einem europäischen Verteidigungsbündnis.[2]

Diese Grundsätze wurden für Baudissin in seiner Mitwirkung am Aufbau der Bundeswehr und seiner eigenen Tätigkeit als Bundeswehroberst leitend.[3] Als Referatsleiter im „Amt Blank“, dem Vorläufer des Bundesverteidigungsministeriums, entwickelte er ab 1951 mit einigen weiteren Kollegen[4] das Konzept der „Inneren Führung“. Mit diesem konkretisierte Baudissin den fünften Abschnitt der Himmeroder Denkschrift und legte bis heute gültige Weichenstellungen für die Ausbildung, das Selbstverständnis und die Führung von Bundeswehrsoldatinnen. Die militärisch-soldatische Tätigkeit, so sah es das Konzept der „Inneren Führung“ vor, sollte unter ethische und politische Vorzeichen gestellt werden. Den Soldaten wurde es persönlich überantwortet, Gehorsam und Disziplin gewissenhaft zu prüfen und mit der Orientierung an Grundgesetz sowie Völker- und Menschenrechten zu vereinbaren – Stichwort für dieses Ideal wurde das Leitbild des Soldaten als „Staatsbürger in Uniform“.[5]

So viel zu Wolf von Baudissins Arbeit Anfang der 1950er Jahre; fast forward to 1968. Die sich 1950 abzeichnende Ost-West-Konfrontation hatte sich zum dominanten Strukturprinzip internationaler Politik verfestigt, die u.a. nach dem Prinzip der „Inneren Führung“ gegründete Bundeswehr war mittlerweile fester Bestandteil des westlichen Verteidigungsbündnisses geworden. Doch auch Kritik an den weltpolitischen Entwicklungen wird laut: Die weltweiten Studierendenproteste thematisieren u.a. den Krieg der USA in Vietnam und fordern einen sofortigen Abzug der Truppen. Die deutschen Protestierenden verurteilen die Beteiligung der BRD am „imperialistischen Krieg“, fordern eine alternative Politik, die mit der Aufrüstungs- und Eskalationsdynamik der Systemkonkurrenz bricht.

In diese Konstellation fällt nun, in einer – wie könnte es in Hamburg auch anders sein – sozialdemokratisch geprägten politischen Lage, die Gründung des Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg (IFSH) und der Hochschule der Bundeswehr Hamburg, der heutigen Helmut-Schmidt-Universität (HSU).

Im Nachgang zu den Ereignissen 1968 schließen sich der wachsenden Friedensbewegung auch Wissenschaftlerinnen an. Sie fordern eine interdisziplinäre Debatte von aktuellen Fragen um Krieg und Frieden, arbeiten an praktisch orientierten Lösungen. Eine der Kernforderungen der akademischen Arbeitskreise ist die Gründung von Friedensforschungsinstituten. 1971 wird dies auch in Hamburg realisiert. Das ISFH wird – u.a. auch mit der Unterstützung des damaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann (SPD) – gegründet. Der erste Direktor des Instituts wird kein anderer als Wolf Graf von Baudissin. Nur ein Jahr nach seinem Ausschieden aus dem aktiven Dienst in der Bundeswehr war Baudissin 1968 in die SPD eingetreten und hatte in den Folgejahren Willy Brandts Kanzlerschaft, insbesondere dessen Neue Ostpolitik unterstützt. Als nun eine Leitung für das neu gegründete Institut in Hamburg gesucht wurde, bat sich der überparteilich respektierte Baudissin als erster Direktor an – eine bemerkenswerte Wahl, markierte die Gründung des Instituts, dem er nun vorstehen sollte, doch durchaus eine Abkehr und Abgrenzung von Baudissins vorheriger Arbeit im Amt Blank, der Bundeswehr und dann auch der NATO, für die er noch in den 1960er Jahren als Generalleutnant in Frankreich und Belgien eingesetzt war. 1979 wurde Baudissin auch Professor an der Universität Hamburg, bis 1984 blieb als Direktor am Institut. Sein Nachfolger wurde, fast schon folgerichtig, ein weiterer SPD-Grande, der Architekt der Entspannungspolitik und enge Vertraute und ehemalige Kanzleramtsminister von Willy Brandt, Egon Bahr. Dieser leitete das Institut bis 1994.[6]

Nur einige Monate nach dem IFSH wurde dann auch die zweite Baudissin-inspirierte Forschungsinstitution in der Hansestadt in Betrieb genommen, dieses Mal auf Anstoß des ehemaligen Innensenators Helmut Schmidt, damals Verteidigungsminister im ersten Kabinett Brandt. Eine von Schmidts Hauptaufgaben war es gewesen, das Konzept der „Inneren Führung“ auch über ein Jahrzehnt nach der Bundeswehrgründung weiter auszugestalten. Vor diesem Hintergrund hatte er von 1972 an die Gründung zweier Bundeswehrhochschulen, welche die Ausbildung der Offiziersanwärter der Bundeswehr auf eine akademische Grundlage stellen sollte[7], initiiert. 1973 öffneten beide „Hochschulen der Bundeswehr“ ihre Türen für die ersten Studierenden – die eine in Neubiberg bei München, die andere im Hamburger Ostbezirk Wandsbek.

Das Studium der Offiziersanwärterinnen an der Hochschule hat sich seit den ersten Jahrgängen und Diplomabschlüssen in den 1970er Jahren kaum verändert. Zwar wurden die Rahmenbedingungen teilweise fundamental umgekrempelt – die Hochschule ist konstant gewachsen, nahm 2001 auch erste weibliche Anwärterinnen auf und wurde 2003 schließlich offiziell in Helmut-Schmidt-Universität umbenannt. Inzwischen hielt auch hier der Bologna-Prozess mit der Umstellung auf heute insgesamt zehn Bachelor- und sechzehn Masterstudiengänge Einzug, doch die inhaltliche Ausrichtung der interdisziplinären akademischen Ausbildung ist bis heute erhalten geblieben. Für das Studium, das insgesamt vier, in Trimester unterteilte Jahre umfasst, stehen neben Seminaren und Vorlesungen in den Fakultäten für Elektrotechnik und Maschinenbau auch verpflichtende Seminare an den Fakultäten für Geisteswissenschaften sowie Wirtschafts- und Sozialwissenschaften auf dem Studienplan. In zwei politikwissenschaftlichen Instituten lehren insgesamt sieben hauptamtliche Professorinnen; im großen Bereich Internationale Politik momentan vier mit Denominationen wie der „Theorie und Empirie der Internationalen Politik“ oder „Sicherheits- und Konfliktforschung“, im Institut für Politikwissenschaft außerdem drei auf Lehrstühlen für das politische System Deutschlands, vergleichende Politikwissenschaft sowie Politische Theorie.[8]

Betrachtet man die beiden akademischen Einrichtungen heute, scheinen IFSH und HSU auf den ersten Blick und neben der geographischen Koinzidenz nicht viel mehr gemeinsam zu haben als ihre hier komplementär nachvollzogene Entwicklungsgeschichte. Jenseits ihres historischen Bezugs auf Person und Werk Wolf Graf von Baudissins, der in den 1980er Jahren auch als Dozent an der Hochschule der Bundeswehr wirkte und seit 1994 als Namensgeber der Generalleutnant-Graf-von-Baudissin-Kaserne in Hamburg-Osdorf firmiert, scheint die beiden Institutionen nicht allzu viel zu verbinden. Doch die Gründungsgeschichten hinterlassen auch heute noch ihre Spuren: Das IFSH ist nicht erst in den letzten Jahren zu einem der wichtigsten, auch international vernetzten Forschungsinstitute für Friedens- und Sicherheitspolitik in Deutschland angewachsen. Die über 50 Mitarbeiterinnen am Institut erforschen in den interdisziplinär, vor allem politik- und naturwissenschaftlich besetzten Forschungsbereichen „Europäische Friedens- und Sicherheitsordnungen“, „Gesellschaftlicher Frieden und innere Sicherheit“ sowie „Rüstungskontrolle und Neue Technologien“, globale Diskurse über Frieden und Sicherheit. In Kooperation mit der Universität Hamburg wird der international ausgerichtete und besetzte Masterstudiengang „Peace and Security Studies“ angeboten. Neben dieser grundständigen Arbeit konnte das IFSH im Mai 2019 die erfolgreiche Einbringung eines millionenschweren Forschungsprojektes verkünden. Gefördert durch das Auswärtige Amt wird das Institut in den kommenden Jahren zu aktuellen sicherheitspolitischen Risiken und Herausforderungen in der Rüstungskontrolle und Abrüstungsdiplomatie forschen.[9]

An der Helmut-Schmidt-Universität wurde bereits im Sommer 2018 der neue, vom Bundesverteidigungsministerium aus der Taufe gehobene sicherheitspolitische Think-Tank „German Institute for Defence and Strategic Studies“ (GIDS) eröffnet. In diesem sollen zukünftig, so die damalige Ministerin von der Leyen, auch „unbequeme Fragen“ erarbeitet und gestellt werden, außerdem Arbeiten von Studierenden der HSU diskutiert und veröffentlicht werden. Doch beachtet man die bereits 2019 laut gewordene Kritik am GIDS, welche u.a. die fehlende Einbeziehung ziviler Forscherinnen, insbesondere von Politikwissenschaftlerinnen und Vertreterinnen aus der Friedens- und Konfliktforschung monierte[10], scheint sich für die HSU wie auch das IFSH in ihren jeweiligen Akteurs- und Handlungskonstellationen zu bestätigen: Auch die Forschung zu Außen-, Friedens- und Sicherheitspolitik in Hamburg tut gut daran, sich – dann auch in der Tradition der „Inneren Führung“ und damit den eigenen Gründungsgeschichten – kritisch mit überlebten Vorstellungen über Sicherheit, Frieden und Verteidigung auseinanderzusetzen und die eigene Arbeit im Spannungsfeld von wissenschaftlicher Freiheit und politischer Beratungstätigkeit zu reflektieren.


[1] Über das Treffen im Kloster Himmerod und die dort versammelten Persönlichkeiten siehe Hans-Jürgen Rautenberg & Norbert Wiggershaus 1977. Die „Himmeroder Denkschrift“ vom Oktober 1950. Politische und militärische Überlegungen für einen Beitrag der Bundesrepublik Deutschland zur westeuropäischen Verteidigung, Militärgeschichtliche Mitteilungen 21, 135–206.

[2] Himmeroder Denkschrift, Bundesarchiv, BW 9/3119, verfügbar unter https://www.bundesarchiv.de/DE/Content/Virtuelle-Ausstellungen/Das-Deutsche-Militaerwesen-7-Bundesrepublik-Deutschland-1949-1990/das-deutsche-militaerwesen-7-bundesrepublik-deutschland-1949-1990.html (01. April 2020).

[3] Meik Woyke 2012. Baudissin, Wolf, in Franklin Kopitzsch & Dirk Brietzke. Hamburgische Biografie. Band 6, Göttingen, 24–25.

[4] Weitere entscheidende Akteure waren vor allem Ulrich de Maizère, ehemaliger Generalstabsoffizier der Wehrmacht und späterer Generalinspekteur der Bundeswehr sowie Johann Adolf Graf von Kielmannsegg, früherer Oberst der Wehrmacht und 20. Juli-Verschwörer.

[5] Wolf Graf Baudissin 1969. Soldat für den Frieden. Entwürfe für eine zeitgemässe Bundeswehr, München; kritisch auch Julia Weigelt 2018. Braucht die Bundeswehr ein neues Leitbild? deutschlandfunk vom 15. Oktober 2018, verfügbar unter https://www.deutschlandfunkkultur.de/innere-fuehrung-in-der-krise-braucht-die-bundeswehr-ein.976.de.html?dram:article_id=430555 (01.04.2020).

[6] Zur Geschichte des IFSH, siehe auch die website des Instituts, verfügbar unter https://ifsh.de/institut/geschichte (01. April 2020).

[7] Zur Entstehungsgeschichte der „Hochschulen der Bundeswehr“, welche federführend vom Politikwissenschaftler und dann auch ersten Präsidenten der Hamburger Hochschule der Bundeswehr Thomas Ellwein konzipiert wurden, siehe Joachim Jens Hesse 2014. Thomas Ellwein (1927–1998), in Eckhard Jesse & Sebastian Liebold. Deutsche Politikwissenschaftler – Werk und Wirkung, Baden-Baden.

[8] Für eine Übersicht der Professuren und Arbeitsschwerpunkte der politikwissenschaftlichen Institute, siehe die website der HSU, verfügbar unter https://www.hsu-hh.de/wiso/professuren (01. April 2020).

[9] IFSH-Pressemitteilung, verfügbar unter https://ifsh.de/news-detail/ruestungskontrolle-und-neue-technologien-interview-mit-dr-ulrich-kuehn (01. April 2020).

[10] website des GIDS an der HSU, verfügbar unter https://www.hsu-hh.de/gids/ (01.04.2020); zur Kritik am GIDS, siehe etwa Julia Weigelt 2019. Zu hohe Erwartungen an Bundeswehr-Denkfabrik? NDR Info vom 27.06.2019, verfügbar unter https://www.ndr.de/nachrichten/info/sendungen/streitkraefte_und_strategien/Zu-hohe-Erwartungen-an-Bundeswehr-Denkfabrik,streitkraefte554.html (01. April 2020).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.