Christopher Kirschner: Bericht zur Buchvorstellung – Respekt! Frauen verändern Wissenschaft an der Universität Hamburg

Am 28. Oktober wurde der Sammelband „Respekt! Frauen verändern Wissenschaft an der Universität Hamburg“ vorgestellt. Das über 500 Seiten starke Buch rekonstruiert die Geschichte der Frauen und der Geschlechterforschung an der UHH. Christopher Kirschner hat die Buchvorstellung für 100×100 besucht.

Christopher Kirschner studiert Soziologie und Geschichte in Hamburg. Er war studentischer Angestellter im Familienbüro der Stabstelle Gleichstellung der UHH und arbeitet nun als studentische Hilfskraft an der neuen Juniorprofessur für Soziologie, insb. Arbeit, Organisation & Gender von Prof. Almut Peukert.


Am 28.10.2019 stellten die Herausgeber*innen Jana Reich und Dagmar Filter ihren Sammelband Respekt! Frauen verändern Wissenschaft an der Universität Hamburg der Öffentlichkeit vor. Das umfangreiche Werk erscheint im Rahmen des diesjährigen 100-jährigen Universitätsjubiläums und ist das Resultat eines zwei Jahre andauernden Schaffensprozesses. Thematisiert wird erstmals die historisch-chronologische Aufarbeitung der Geschichte von Frauen an der Universität Hamburg, sowie ihre Kämpfe und Forderungen für ein gleichberechtigtes Studieren, Lehren und Forschen. Durch den Sammelband, an welchem 75 Autor*innen mit über 60 Beiträgen beteiligt sind, wird die Frauengeschichte an der Universität Hamburg, und so auch am Fachbereich Sozialwissenschaften, erstmals umfassend aufgearbeitet.
Neben einer umfangreichen Materialsammlung an Flyern, insbesondere aus den 1970er- und 1980er-Jahren, bietet das Buch fünfzehn Interviews mit (ehemaligen) Lehrenden und Student*innen, die über ihr Wirken an der Universität Hamburg kritisch berichten. So schreibt etwa Marianne Pieper, seit 1996 Professor*in für Soziologie an der Universität Hamburg und mittlerweile emeritiert, über die Gründung des Studiengangs für Gender und Queer-Studies. Pieper, die an diesem Prozess maßgeblich beteiligt war, gibt hierbei umfangreiche Einblicke in dessen intensive, jedoch kurze Geschichte am Fachbereich der Sozialwissenschaften im Hamburger Pferdestall. Neben einer historischen Rekonstruktion verweist sie hierbei auch auf die soziologische Bedeutung des mittlerweile ehemaligen Studiengangs, der ihr zufolge aufgrund anhaltender Geschlechterproblematiken nichts an Aktualität eingebüßt habe.[1]
Neben der historischen Nachzeichnung von wissenschaftlichen Konflikten porträtiert der Sammelband unter anderem auch Wissenschaftler*innen, welche Opfer des Nationalsozialismus wurden. So beschreibt Ingrid Schröder in ihrem Aufsatz Agathe Lasch – die erste Hamburger Professorin der Universität Hamburg das Leben und wissenschaftliche Schaffen der Germanistikprofessor*in Agathe Lasch, die bis zu ihrer Entlassung und Vertreibung durch die Nationalsozialisten im Jahr 1934 ihr Büro im Pferdestall am heutigen Allendeplatz 1 hatte.[2]

Des Weiteren sind die Aufsätze Der Einfluss der Neuen Frauenbewegung auf das Bildungsangebot der Universität Hamburg  (Mirella Zimmermann), Aktivitäten von Studentinnen an der Universität Hamburg (Nicolli Povijač), Der Arbeitskreis Frauen als Lehrende und Forschende an der Hochschule (ein Interview von Dagmar Filter u.a. mit Ingrid N. Sommerkorn), Das Netzwerk LINT – Erfahrungslernen zwischen Wissenschaft und bildungs- und schulpolitischer Praxis (Ingrid N. Sommerkorn), Diversity-Forschung an der Universität Hamburg (ein Interview mit Daniela Rastetter), Als Frau an der Hochschule für Wirtschaft und Politik. Einige Blätter aus der Erinnerung (Frigga Haug), sowie Die Koordinationsstelle Frauenstudien/Frauenforschung in chronologischen Auszügen und Von Frauen – für Frauen: Die FRAUENSTUDIEN in Hamburg (beide Dagmar Filter) für studierende, lehrende und forschende Sozialwissenschaftler*innen von großem Interesse.

Die Buchvorstellung wurde durch Vorträge von Autor*innen ergänzt, die ihre Beiträge dem anwesenden Publikum präsentierten. So berichtete Prof. Dr. Rainer Nicolaysen (Leiter der Arbeitsstelle für Universitätsgeschichte der Universität Hamburg) über seine Forschungen zur Rechtswissenschaftlerin Magdalene Schoch, der ersten habilitierten Juristin in Deutschland. Jana Reich (Bibliotheksleiterin der Zentralen Bibliothek für Frauenforschung, Gender & Queer Studies) referierte über Dr. Sigrid Matzen-Stöckert, die in Hamburg am Fachbereich der Geschichtswissenschaften zur Frauengeschichte forschte. Dagmar Filter (ehemalige Geschäftsführerin des Zentrum GenderWissen) berichtete über die Gründung der Koordinationsstelle Frauenstudien/Frauenforschung und die Frauenforschungsprojekte. In Vertretung der AG Queer Studies stellten die ehemaligen Studierenden der Universität Hamburg Marc Sick, Kathrin Ganz und Do Gerbig ihre Arbeit in der AG vor.
Zum Abschluss der Veranstaltung wurde Mitherausgeberin Dagmar Filter als langjährige Geschäftsführerin des Zentrums GenderWissen in den Ruhestand verabschiedet. In ihrer abschließenden Rede bekräftigte Filter noch einmal die große Bedeutung des Zentrums GenderWissen und der Bibliothek für Frauenforschung, Gender & Queer Studies als „wichtige[n] Beitrag zur Demokratisierung von Hochschule“, welche im Zuge der rechten Bewegungen und konservativen Strömungen“ dringend fortzuführen und auszubauen sei. Die zwei bisher gedruckten Exemplare des Sammelbandes wurden im Rahmen der Buchvorstellung verlost. Wer nicht unter den glücklichen Gewinner*innen ist, kann das Buch ab Mitte November erwerben oder es in einschlägigen Bibliotheken einsehen.

Abschließend bleibt festzuhalten, dass der Sammelband das erste umfangreiche Werk zur Aufarbeitung der Geschichte von Frauen an der Universität Hamburg darstellt. Mit über 500 Seiten ist es ein bedeutender Grundstein in der dringend fortzusetzenden Frauen- und Geschlechterforschung und deren historischen Aufarbeitung. Die verschiedenen Formate der Darstellung und die unterschiedlichen Perspektiven, welche durch eine Vielzahl an Autor*innen verwirklicht werden konnten, machen den Sammelband zu einem bedeutenden und gut verständlichen Beitrag zur wissenschaftlichen Erforschung der Frauengeschichte an der Universität Hamburg.


Filter, Dagmar & Reich, Jana Respekt (Hg): Respekt! Frauen verändern Wissenschaft an der Universität Hamburg. Erscheint Mitte November.

[1] Näheres zu Entwicklung und Ende des Studiengangs in unserem Interview mit Marianne Pieper

[2] Agathe Lasch wurde 1942 deportiert und in einem Wald nahe Riga ermordet.

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