Lennart Riebe über Adolf Rein, Die Idee der politischen Universität (1932)

Die Idee der politischen Universität[1]  lautet der Titel einer Programmschrift, die der Historiker Adolf Rein 1932 verfasst hat und in der er seine Vision eines neuen, politischen Universitätstypus entwirft. Rein, von 1934 bis 1938 Rektor der Hamburgischen (später Hansischen) Universität, war maßgeblich für die Organisation und Durchführung der nationalsozialistischen Selbstgleichschaltung der Universität verantwortlich, im Zuge derer unzählige jüdische und oppositionelle Wissenschaftler*innen vertrieben und aus dem universitären Leben ausgeschlossen wurden.

Lennart Riebe studiert im Master Politikwissenschaft am Fachbereich.


Reins Überlegungen zur politischen Universität nehmen ihren Ausgangspunkt in einer Typologie der historischen Universitätsformen. Jede geistesgeschichtliche Epoche in der deutschen Geschichte bringt ihm zufolge ihren eigenen Universitätstypus hervor: Im Zeitalter der Konzilsprobleme und Reformationen vom 14. bis 17. Jahrhundert dominierte die „theologische Universität“, deren geistige Begründung der christliche Glauben war und deren zentrale wissenschaftliche Problemstellung die fragwürdig gewordene Legitimität der Kirche bildete. Mit der Aufklärung entstand im 18. und 19. Jahrhundert dann der als „philosophisch-humanistische Universität“ beschriebene Typus, welcher auf dem Prinzip individualistisch-universeller Vernunft basierte und dessen zentrale Aufgabe durch ein humanistisch-kosmopolitisches Bildungsideal bestimmt war. Die anschließende Entstehung und Durchsetzung des Positivismus, sowie die damit verbundene Degradierung der Philosophie vom Ideal der absoluten Einheitswissenschaft zur bloßen Einzeldisziplin, ließ das aufklärerische Universitätsbild jedoch brüchig werden; der universelle Anspruch der universitas zerfiel in ein Nebeneinander der Einzelwissenschaften ohne vereinigendes Prinzip. Stattdessen beförderten nach Rein der liberale Drang nach unbedingter disziplinärer Autonomie und eine leere Selbstreferenzialität der Wissenschaft einen „selbstgefälligen eitlen Ästhetizismus“ und „Relativismus“ (S. 20) ohne bedeutungsvoll-grundierten Inhalt. Rein konstatiert: „Die deutschen Hochschulen haben sich – wenn man es scharf ausdrücken will – gleichsam in Warenhäuser spezialisierter Wissenschaften verwandelt.“ (Ebd.)

Vor dem Hintergrund dieser Krisen- und Verfallsdiagnose der liberalen Moderne vermeint Rein jedoch eine neue geistesgeschichtliche Epoche und einen mit ihr korrespondierenden Universitätstypus auszumachen: Das Pathos des Kriegsbeginns 1914 verweist für ihn (mit der Weimarer Republik als provisorischem Zwischenspiel) auf eine neue, zukünftige Ära deutscher Politik und Machtentfaltung, die eine entsprechende Neuordnung der Universität als „politische Universität“ fordert. Das Politische als ihr vorherrschendes geistiges Prinzip ist nicht (wie das Theologische und Philosophische) transzendental-jenseitig, sondern historisch-diesseitig begründet; ihre Kraftquelle bildet der Wille zur politischen Weltgestaltung. Die Wissenschaft der politischen Universität „wird auf die Wirklichkeit des Staates bezogen sein“, ihr Ziel ist somit „die Behauptung des Unbedingten in der deutschen Form, die deutsche Macht“ (S. 11).

Die Idee des Staates bildet also nach der Gottesidee der theologischen Universität und der Vernunftidee der humanistischen Universität das zeitgemäße, überwissenschaftliche Absolute. Für Rein bleibt wissenschaftliche Erkenntnis ohne den Bezug auf ein solches über- bzw. vorwissenschaftliches Absolutes nur partiell. Erst der Glauben der Religion, die Weisheit der Philosophie oder das Wollen der (staatlichen) Politik verleihen der wissenschaftlichen Erkenntnis einen tieferen Sinn und den entscheidenden Impuls: „Der Funke kommt nicht aus den Wissenschaften hervor, er springt in sie hinein.“ (S. 20) Das Politische versteht Rein, in der Tradition deutscher Staatsphilosophie stehend, dabei nicht als Parteienpolitik, sondern grundlegender: als sittliches Ideal der National- und Volksgemeinschaft und dessen institutioneller Realisierung, dem Staat. Dies ist auch der Grund, warum Rein eine eigene Wissenschaft von der Politik als technisch-partikulare Verkürzung des absoluten Prinzips des Politischen ablehnt: „Dabei wird vergessen, daß Politik im eigentlichen Sinn kein Fach ist, so wenig wie Weisheit oder Glaube Fächer sind, welche als solche auf Schulen oder Hochschulen der Weisheit oder der Religion gelehrt werden könnten.“ (S. 16) Das Politische ist für ihn auf einer grundlegenderen Ebene angesiedelt. So benötigt die Wissenschaft das Politische des Staates als sinngebende Begründung; umgekehrt benötigt der Staat die Wissenschaft, „welche dem Geist, der Idee, dem Gestaltungsprinzip, dem Schöpfungswillen des Staates Form gibt“ (S. 30). Die politische Fundierung der Wissenschaft bedeutet daher für Rein nicht die völlige Preisgabe wissenschaftlicher Freiheit. Er will die politische Universität explizit nicht als Parteischule oder bloße Legitimierungsinstitution der Regierung verstanden wissen, sondern stattdessen ein Ideal von Staatlichkeit als „Grundursache“ (S. 32) der Wissenschaftsfreiheit setzen. Die Professoren der politischen Universität fungieren dementsprechend als „Priester“ der Volksgemeinschaft, „welche als auf das Absolute gerichtet eine innere Freiheit besitzen, aber zugleich dem Staat völlig und ganz zugehören“ (ebd.). Die Grenze dieser politisch begründeten Wissenschaftsfreiheit verläuft dann entlang derjenigen Haltungen, „welche Existenz und Fortdauer des Staates selbst bedrohen“ (S. 25). Dass dies wohl kein hinreichend trennscharfes Beurteilungskriterium im konkreten Einzelfall darstellt, ist Rein bewusst. Er will es deshalb auch gerade nicht als normativen „Codex“ verstanden wissen, sondern überträgt die Letztbegründung über legitime oder nicht legitime Forschung der (staatsmännischen) Entscheidung selbst.

Rein plädiert damit für die Entkopplung der Idee der Wissenschaftsfreiheit von einer liberal-bürgerlichen Ordnung. So sei Wissenschaft zwar dem Ideal der Wahrheit verpflichtet und dürfe keine Erkenntnisse mutwillig im Dienste einer politischen Macht verschweigen, denn das wäre Propaganda. Jede Wissenschaft müsse jedoch notwendigerweise aus einem historischen und politischen Standpunktes heraus sprechen und ein solcher Standpunkt könne „niemals positivistisch […] aus einer abstrakten ‚ratio‘ gewonnen werden“ (S. 26). Stattdessen sei es Aufgabe der Wissenschaft, „den Standpunkt, von dem aus wir handeln, bewußt zu machen, d.i. als vernünftig zu erweisen“ (ebd). Vernunftgeleitete Erkenntnis lasse sich dabei nicht ohne Willen und Glauben gewinnen, sodass über „den letzten Standpunkt […] daher jeder Wissenschaftler sich entscheiden [muss], d.h. er muß von Politik und Religion her handeln und sich verhalten“ (ebd.).[2] Der Behauptung, echte und freie Wissenschaft sei nur im Rahmen einer liberal-bürgerlichen Toleranzordnung möglich, entgegnet Rein, dass auch der bürgerlichen Freiheitsvorstellung eine „politische Tendenz“ innewohnt, welche auf die „Zerstörung alter politischer Gewalten“ abzielt (S. 22) und dementsprechend  selbst inhärenten  intoleranten Exklusionslogiken folgt. Dem eigenen historisch-politischen Standpunkt könne man sich nicht entziehen, „[d]enn Wissenschaft dient immer“ (S. 24). Rein versucht so, eine Ausweitung der nationalsozialistischen Ideologie auf die Organisation der Universitäten erkenntnistheoretisch zu begründen und liefert für sein Projekt auch gleich einen konkreten Handlungsvorschlag: die Einrichtung einer Fachgemeinschaft aller „politisch relevanten“ Fächer (wie u.a. öffentliches Recht, Geschichte, Germanistik, Volkswirtschaft und Pädagogik) unter dem Dach einer zu gründenden „politischen Fakultät“. Die tatsächliche Umsetzung dieser Idee, welche Rein ab 1933 in Form der „Politischen Fachgemeinschaft der Fakultäten“ vorantrieb, scheiterte jedoch nach kurzer Zeit, vor allem aufgrund des mangelnden Engagements der Ordinarien.[3]

Aus der vorangegangenen Darstellung wird nicht nur die historische und politische, sondern vor allem auch die theoretische Nähe Adolf Reins zu einem einflussreichen politischen Denker der Moderne und Apologeten des Nationalsozialismus deutlich: Carl Schmitt. Reins Konzeption einer „politischen Universität“ liest sich in weiten Teilen wie die konsequente Übertragung schmittscher Denkfiguren auf das Feld der Wissenschaft: Kritik eines bürgerlich-liberalen Relativismus und Positivismus, Aufdeckung der politischen Dimension eines vermeintlich neutralen Feldes anhand von Freund-Feind-Schemata[4], dezisionistische Letztbegründung von Wissenschaft und ihren Grenzen. Rein versucht aufgrund seiner Kontingenzerfahrung der modernen Wissenschaft, die eben nicht mehr von einem absolut gedachten Normen-Fundament argumentieren kann, dieser durch die Verabsolutierung des explizit deutschen Staates neuen normativen Halt zu geben. Doch dadurch fällt er hinter seine eigene Diagnose der Moderne zurück, da sich unter modernen Bedingungen der Staat sowohl seiner Form als auch seines Inhalts nach ebenfalls nur noch als etwas permanent Umkämpftes, nicht Abgeschlossenes, eben: Politisches verstehen lässt. Reins völkisches Sendungsbewusstsein, welches er durch vage geschichtsphilosophische Andeutungen vom Anbruch eines politischen Zeitalters als das „deutsche Schicksal schlechthin“ (S. 15) versucht zu legitimieren, erscheint vor diesem Problemhorizont theoretisch inkonsequent. Gleichzeitig ist es erkenntnistheoretischer Ausdruck des nationalsozialistischen Versuchs, die inhärente Widersprüchlichkeit der Moderne gewaltvoll aufzulösen.

Eine tiefergehende ideengeschichtliche Beschäftigung mit Reins Ideen jedoch neben einer Ideologiekritik seines nationalsozialistisch-völkischen Wissenschaftsverständnisses auch Anlass zur grundsätzlichen Reflektion über das Verhältnis von Politik und (Sozial-)Wissenschaft in der Gegenwart geben. Denn Rein trifft mit der schmittschen Problematik einen sensiblen Punkt: Die prinzipielle Politisierbarkeit jedes gesellschaftlichen Teilsystems in der modernen Gesellschaft stellt gerade die erkenntnistheoretische Sonderstellung der Wissenschaft vor besondere Herausforderungen – nicht nur in Zeiten totalitärer Herrschaft. So ließe sich etwa fragen, was genau eigentlich genau damit gemeint ist, wenn vor dem Hintergrund von Klimawandel und ‚postfaktischem Zeitalter‘ eine stärkere politische Verantwortung von der Wissenschaft gefordert wird. Wie werden Verpflichtungen zu nachhaltigen und demokratischen Werten in Lehre und Forschung theoretisch und normativ begründet und gegenüber anderen Werten abgegrenzt? Nach welchen Kriterien werden Entscheidungen zur Legitimität und Nicht-Legitimität von Wissenschaft getroffen? Letztendlich bleibt jede Wissenschaft in ihrem spezifischen historischen Kontext und dessen jeweiligen Interessens-, Ideen- und Machtkonstellationen eingebettet, in denen Entscheidungen nicht nur nach der Maßgabe vernünftiger Deliberation, sondern aufgrund politischer Faktoren getroffen werden. Eine kritische Politikwissenschaft hat daher nicht nur die Aufgabe, potenzielle emanzipatorische Lösungsperspektiven für gesellschaftliche Probleme aufzuzeigen. Sie muss sich gleichzeitig der historischen Kontingenz, notwendigen Umkämpftheit und der daraus resultierenden Instabilität jedweder normativer Verknüpfung von Politik und Wissenschaft bewusst sein, die unter den Bedingungen einer politischen Gesellschaft[5] stattfindet. Gleichzeitig kann Wissenschaft nicht zur unmittelbaren Fortsetzung von tagespolitischen Auseinandersetzungen verkommen, ohne ihre spezifische gesellschafts- und erkenntniskritische Distanzposition zu verlieren. Die gegenseitige Vermittlung von politischer Gesellschaft und wissenschaftlicher Reflektion, sowie der sich daraus ergebende Widerspruch gleichzeitiger gesellschaftlicher Bedingtheit und (partieller) Autonomie von Wissenschaft, darf daher nicht einseitig politisch-vereinnahmend oder positivistisch-leugnend aufgelöst werden, sondern muss ausgehalten und aufrechterhalten werden.


[1] Adolf Rein: Die Idee der politischen Universität, Hamburg 1933.

[2] Die Vorstellung des Primats eines vorwissenschaftlich-politischen Willens als Bedingung und Antrieb von wissenschaftlicher Erkenntnis radikalisiert Rein in seiner ‚Sylter Denkschrift‘ (1933) zum Begriff der „Willenschaft“. Vgl. Arndt Goede: Adolf Rein und die ‚Idee der politischen Universität‘, Hamburg 2008, S. 67.

[3] Vgl. Goede 2008: 100ff.

[4] Das wird vor allem deutlich, wenn Rein mit offensichtlich antisemitischer Konnotation den Feind der „politischen Universität“ als „de[n] völlig Entwurzelte[n], de[n] Heimatlose[n], de[n] ganz und gar Verantwortungslose[n]“ charakterisiert (S. 11).

[5] Vgl. Michael Th. Greven: Die politische Gesellschaft, Opladen 1999.

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