Bernhard Koch über Jan Philipp Reemtsma, Vertrauen und Gewalt (2008)

Jan Philipp Reemtsma ist Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Hamburg. Er ist mit der Gründung des Hamburger Instituts für Sozialforschung (HIS) und der Hamburger Stiftung zur Förderung der Wissenschaft und Kultur (beides 1984) Teil der Hamburger Wissenschaftsgeschichte geworden. Reemtsma ist mit Werken unter anderem zu Christoph Martin Wieland, Arno Schmidt und Muhammad Ali hervorgetreten. Vertrauen und Gewalt. Versuch über eine besondere Konstellation der Moderne (Hamburg 2008) gilt als sein Hauptwerk.

Dr. Bernhard Koch ist stellvertretender Direktor des Instituts für Theologie und Frieden in Hamburg und Lehrbeauftragter am Fachgebiet Politikwissenschaft der Universität Hamburg. Er wurde 2006 mit einer Arbeit zu Cicero an der Hochschule für Philosophie in München promoviert. Zu seinen Arbeitsgebieten zählen das humanitäre Völkerrecht und die Theorie des gerechten Krieges, insbesondere die Frage legitimer und illegitimer Gewaltanwendung.


Jan Philipp Reemtsma entstammt einer Familie, die mit der Zigarren- und Zigarettenproduktion vermögend geworden ist und die eine durchaus problematische Rolle im Dritten Reich gespielt hat, indem sie etwa NS-Parteiorganisationen mit Spenden unterstützte.[1] Philipp Fürchtegott Reemtsma, der Vater von Jan Philipp, hat alle drei Söhne aus erster Ehe während des Zweiten Weltkriegs verloren – zwei davon sind als Soldaten gefallen. Jan Philipp entstammt einer zweiten Ehe nach dem Suizid der ersten Frau im Jahr 1939.

Von Haus aus Literaturwissenschaftler und als solcher Professor an der Universität Hamburg, hat Reemtsma insbesondere über das Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS) bedeutende Arbeiten im Bereich der historischen und soziologischen Gewaltforschung angestoßen und ermöglicht. Ich erinnere mich noch gut, welche Auseinandersetzungen es zu meinen Studienzeiten um die Wanderausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 – 1945“ in meiner Universitätsstadt München gab und wie ich als Student 1997 in einer langen Schlange am Marienplatz angestanden bin, um mich dann im Rathaus dicht an dicht an den Fotos vorbei zu drängen. – Natürlich birgt so ein „Iconic Turn“ in der Geschichtsschreibung Risiken, und in der Tat enthielt die erste Version der „Wehrmachtsausstellung“ gravierende Fehler, aber Reemtsmas wissenschaftlicher Ernst hat zu einer Überprüfung und Neubearbeitung geführt und so auch auf diesem Weg der Forschung weitergeholfen. Andere wollten sich nicht der Sachauseinandersetzung stellen und haben auf die Ausstellung mit Gewalt und Krawall reagiert.

Jan Philipp Reemtsma ist aber nicht nur Mäzen und Förderer, sondern selbst als akademischer Autor profiliert. Seine Vorträge zu „Gewalt als Lebensform“, „Gewalt und Vertrauen“ oder „Die Gewalt spricht nicht“, die im Reclam-Verlag erschienen sind, werden an Schulen und Universitäten als Klassiker der soziologischen Gewaltforschung gelesen. Seine Reflexionen über Folter und sein Eintreten für das Folterverbot im Rechtsstaat erfolgen auf einem lebensgeschichtlichen Hintergrund. 1996 wurde er selbst Opfer einer Entführung, und insbesondere Entführungen – man denke an Jakob von Metzler – beschwören ja immer wieder die Frage nach der sogenannten „Rettungsfolter“ herauf. Dass Reemtsma der Laudator bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an Jürgen Habermas im Jahr 2001 war, wurde in diesem Blog schon an anderer Stelle erwähnt.[2]

Eine Art „Summe“ zur Gewalt zog Jan Philipp Reemtsma in seinem 2008 in der „Hamburger Edition“, dem Verlag des Hamburger Instituts für Sozialforschung, erschienenen Buch Vertrauen und Gewalt. Versuch über eine besondere Konstellation der Moderne. Und obwohl niemand, der sich mit dem Thema der Gewalt wissenschaftlich auseinandersetzen will, an dem Band vorbeikommt, handelt es sich bei diesem Werk, wie der Untertitel zeigt, im Grunde nicht nur um eine gewaltsoziologische Studie, sondern auch um eine über die Moderne. Der Zusammenhang von Vertrauen und Gewalt ist der Leitfaden, an dem Reemtsma die „Bedingungen und Besonderheiten des Sonderwegs der Moderne“[3] deutlich machen will. Wie kommt es zu diesem „besonderen Legitimationsbedarf“, unter den die Moderne die Anwendung von Gewalt stellt? Was bedeutet diese Spannung zwischen dem Anspruch einer „maximal gewaltreduzierten Zukunft“ und der tatsächlich ausgeübten Gewalt (sowohl als Mikro- als auch als Makrogewalt) in der Moderne? Weshalb rückt die Moderne trotz der Divergenz von Anspruch und Wirklichkeit nicht von ihrem Sonderweg der Gewaltpraxis trotz Gewaltächtung ab?

Zivilisationen, so Reemtsma, kennen Zonen von gebotener, verbotener und erlaubter Gewalt (191; 196). Die Moderne – „also jene europäisch-atlantische Kultur, die aus den Krisen des 16. und 17. Jahrhunderts hervorgegangen ist“[4] – hat die Zone verbotener Gewalt ausgedehnt, aber Zonen erlaubter und sogar gebotener Gewalt sind geblieben. Um allerdings diese Gebiete betreten zu können, muss man sich bestimmter „Legitimationsrhetoriken“ bedienen. Der Klassiker ist der Topos der Verteidigung: Gewalt wird ausgeübt, um Gewalt durch andere zu verhindern. Eine andere Legitimationsrhetorik besteht in der der Zivilisierung selbst (269ff.): Der „Barbar“ muss gewaltsam zum zivilen Leben geführt werden; der „Verräter“ – so die „Rhetorik der eschatologischen Säuberung“ (307ff.) – behindert die revolutionäre Entwicklung und muss mit Gewalt aus dem Weg geschafft werden. Das Ziel – oder besser, das rhetorisch als solches ausgegebene Ziel – ist die gewaltfreie Gesellschaft, also die moderne Utopie. Die Realität bleibt aber gewaltsam. Die „Rhetorik des Genozids“ geht noch einen Schritt weiter: Ihre Feinde sind nicht zu Feinden geworden wie in der eschatologischen Säuberung, sondern sie sind es von Geburt an. Das Dasein selbst enthält in sich den Grund des Vernichtet-werden-müssens. Die Rhetorik des Genozids stellt einen Bruch mit der Moderne dar, weil sie Gewalt selbst „zum Lebensprinzip der Volksgemeinschaft erklärt“ (317).

Reemtsmas „phänomenologische“ Unterteilung physischer Gewalt in „lozierende“, „raptive“ und „autotelische“ Gewalt (104 – 124) fehlt heute in keiner Überblicksdarstellung der Gewaltforschung. Der Gründer des HIS versucht hier wegzukommen von den Gewalterklärungen, die sich in Spekulationen über die Gewalttäter ergehen („Was wollte er?“, „Wie kam sie dazu, das zu tun?“) und stattdessen einfach einmal prosaisch auf die Gewalttat selbst zu sehen: Was passiert hier? Moralische (Vor-)Verurteilungen, Entschuldigungen oder Freisprüche müssen dringend vermieden werden. Ein nüchterner Blick auf das Phänomen[5] soll die durch Moralismen und andere normative Voreinstellungen verzerrten Deskriptionen von Gewalt ersetzen. Der „lozierenden“ Gewalt ist der Körper des anderen im Weg; er muss einen anderen Ort bekommen. Wer „raptive“ Gewalt ausübt nutzt den Körper des anderen für seine eigenen – vorrangig sexuellen – Befriedigungen. Die autotelische Gewalt aber ist nicht instrumentell. Sie folgt keiner Mittel-Zweck-Vernünftigkeit und ist damit in der Moderne überhaupt nicht rational nachvollziehbar. Dennoch ist sie in der Moderne präsent und in der „Rhetorik des Genozids“ kann sie bis zur Idealisierung, bis zur „Heiligsprechung“ (318) geadelt werden. Dort wo das eigentlich moderne soziale Vertrauensverhältnis, nämlich jenes, das in einer wechselseitigen Stabilitätserwartung in eine funktional differenzierte Gesellschaft besteht, welche durch das Gewaltmonopol eines Staates abgesichert ist – dort, wo dieses Vertrauensverhältnis enttäuscht wird, kann es zur „Gewalt als Lebensform“ kommen, also zum Vertrauen in Gewalt:

„Vertrauen braucht Praxen, die es stabil halten; werden diese entschlossen destabilisiert, tritt – denn man kann nicht nicht vertrauen – an deren Stelle das Vertrauen in die destabilisierenden Praxen: Eine neue Stabilität etabliert sich, hier ist es das Vertrauen in die Gewalt.“ (335).

Ute Frevert hat in ihrer Besprechung von Reemtsmas Opus magnum diesen entscheidenden Schritt nicht als überzeugend empfunden. Das Problem liege bereits im Vertrauensbegriff des Autors, der als Stabilitätserwartung zu sehr im Psychologischen stecken bleibt. Damit ähnle er mehr der „Zuversicht“ oder dem „Zutrauen“. Aber personales oder soziales Vertrauen benötigt noch mehr. Sie „kommen nicht ohne die Annahme aus, dass der Vertrauensnehmer in meinem Interesse handelt und an meinem Wohlergehen interessiert ist.“[6] Die Diskussion gewinnt hier eine ähnliche Dynamik wie in der Friedenswissenschaft: Der negative Frieden kann durch positives Recht gesichert werden, denn zur unfallfreien Koordination von Prozessen reichen Steuerungsregeln aus. Positiver Frieden aber verlangt eine Hin- und Zuordnung, die über bloße Koordinierungsprobleme hinausgeht und menschliche Haltungen und Einstellungen miteinschließt. In dieser Parallele wäre Reemtsmas Vertrauensbegriff selbst nur ein „negativer“: Erwartung von Stabilität. Positives Vertrauen müsste aber die Erwartung von Zuneigung umfassen. Die auf- und überaufgeklärte Moderne traut sich dies kaum mehr zu. Sie ist für Reemtsma gekennzeichnet durch eine tiefe Heuchelei. „Friedensethiker“ stellen hier gewissermaßen die Spitze der Pyramide der Heuchler dar, denn auch sie rechtfertigen Gewalt, und dies mit ausdrücklichem Bezug auf den Frieden, den sie in und mit ihrem Rechtfertigungshandeln unterlaufen.

Im Grunde wird für Reemtsma die Gewalt als solche bis in unsere Zeit verdrängt. Es ist Teil des Umgangs der Moderne mit der Gewalt, dass sie zu wenig ernst genommen wird – gerade in ihrem Vorkommen als autotelische. Die Soziologie unserer Zeit macht für ihn hier keine Ausnahme: Auch sie ist Teil der modernen „Coping-Strategie“ (467). Aus heutiger Sicht aber wird man an Reemtsmas Buch nicht nur die Mahnung schätzen, sich dem Thema der Gewalt in einem eigentlicheren Sinne zuzuwenden, sondern auch den Schwerpunkt, den er auf das Phänomen des Vertrauens legt. Wie wichtig Vertrauen für eine moderne Gesellschaft ist, lässt sich vielleicht durch die in den westlichen Ländern so angewachsenen Debatten um Migration und Integration illustrieren, die Reemtsma noch nicht ausdrücklich in den Blick nahm. Sind es auch Ängste, die durch Vertrauensverluste in die Kontrollmöglichkeiten der Staaten bei einem Teil der Menschen entstanden sind, die zu Friktionen in den Gesellschaften geführt haben? Möglicherweise ist es hier nicht immer hilfreich, auf empirische Fakten zu verweisen, denn Vertrauen gründet nicht nur auf Faktizität und Statistik. Aber Gewalt kann auf dem Verlust von Vertrauen beruhen bzw. auf einem Wandel des Vertrauens oder noch genauer, auf dem Wandel des Objekts von Vertrauen. Aus dem Vertrauen in den Staat kann ein Vertrauen in Gewalt werden, sagt Reemtsma. Hier scheint mir eine große Linie politischen Denkens von Platon bis zu Reemtsma zu führen: Gute Politik zeichnet sich nicht dadurch aus, dass sie lediglich materielle Güter vermehrt, sondern dadurch, dass sie „Hearts and Minds“ zusammenhalten kann. Die Vermehrung von Gütern kann hier zwar instrumentell hilfreich sein, aber wenn sie zum Selbstzweck wird, verfehlt Politik ihr eigentliches Ziel: den Frieden in der Gesellschaft zu sichern. Die Reflexion über das Politische beginnt mit einer Reflexion über den Menschen. Reemtsma ist gegenüber Platon insofern im Vorteil, als der Mensch erst im 20. Jahrhundert eine so erschreckende Seite von sich offenbart hat, dass keine Reflexion daran – an dieser Seite und am Erschrecken – mehr vorbeikommen kann.


[1] Um sich nicht um das Geschäft mit den zahlreichen rauchenden Mitgliedern der NS-Parteiorganisationen zu bringen und in den Parteiorganen werben zu dürfen, hat die Familie fleißig an die Nazis gespendet. Insbesondere zu Hermann Göring baute sich ein recht intimes Verhältnis auf. Andererseits haben die Reemtsmas auch ihren jüdischen Geschäftspartnern geholfen und den verfemten Ernst Barlach unterstützt. Zur Familiengeschichte der Reemtsmas vgl. Erik Lindner: Die Reemtsmas. Geschichte einer deutschen Unternehmerfamilie, München 2007: Hoffmann & Campe, und: Erik Lindner: Zwölf Millionen für Göring. Die NS-Verstrickung deutscher Unternehmen ist noch immer nicht umfassend aufgeklärt. In: Cicero. Magazin für politische Kultur, online unter: https://www.cicero.de/wirtschaft/zwölf-millionen-für-göring/38290 (19. August 2019).

[2] https://politik100x100.blogs.uni-hamburg.de/niesen-retrospektive-habermas-ehrendoktor/#more-1271

[3] S. 9. Die Seitenangaben erfolgen nach der Ausgabe: Jan Philipp Reemtsma: Vertrauen und Gewalt. Versuch über eine besondere Konstellation der Moderne, Hamburg 2008: Hamburger Edition.

[4] Vgl. Jan Philipp Reemtsma: Die Natur der Gewalt als Problem der Soziologie. In: Karl-Siegbert Rehberg (Hrsg.): Die Natur der Gesellschaft. Verhandlungen des 33. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Kassel 2006, Frankfurt 2008: Campus Verlag, 42-64, hier 45. – In diesem Eröffnungsvortrag fasst Reemtsma selbst die wichtigsten Thesen und Argumente seines (etwas später erschienenen Buches) zusammen. Unter https://www.ssoar.info/ssoar/bitstream/handle/document/18413/ssoar-2008-reemtsma-die_natur_der_gewalt_als.pdf?sequence=1 ist er online verfügbar (19. August 2019).

[5] Zum Phänomenbereich, den Reemtsma untersucht, gehören aber nicht nur empirische oder historische Tatsachen, sondern auch Beispiele aus der Literatur. Dieses Verfahren hat selbstverständlich Kritik herausgefordert, aber andererseits wird in der Tat der Möglichkeitsraum des Menschlichen auch in der Literatur erschlossen und nicht nur in der Geschichte.

[6] Ute Frevert: Reemtsma, Jan Philipp: Vertrauen und Gewalt. Versuch über eine besondere Konstellation der Moderne. Besprechung. https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-10798 (19. August 2019).

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