Friedo Karth über Bildung als Aneignung des eigenen Lebens, Siegfried Landshuts Schriften zur Erwachsenenbildung und Volkshochschule

Siegfried Landshut (1897-1968) war der Inhaber des ersten „Lehrstuhls für die Wissenschaft von der Politik“ an der Universität Hamburg. Zu seinen Hauptwerken gehört die frühe „Kritik der Soziologie“ (Berlin 1929). Seine Erstausgabe von Marx‘ Frühschriften (2 Bde., Stuttgart 1932) war einflussreich für die Begründung der Forschungstradition eines „westlichen Marxismus“. Weniger bekannt sind seine Beiträge zur Erwachsenenbildung und zur Volkshochschulbewegung.

Friedo Karth hat an der Universität Hamburg einen BA in Politikwissenschaft und an der Cardiff University einen MA in Kulturtheorie erworben. Seit Mai 2019 ist er Promotionsstipendiat am Hamburger Institut für Sozialforschung.


Beschäftigt man sich mit Siegfried Landshut im Jubiläumsjahr der Universität, so rücken zunächst sein wissenschaftliches Schaffen sowie seine Verdienste für das Fach Politikwissenschaft in den Fokus. 1925 kommt Landshut für einen Forschungsauftrag an das Institut für Auswärtige Politik nach Hamburg. 1928 reicht er eine Habilitationsschrift an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät im Fach Politik ein – ein recht kühnes Unterfangen, da das Fach zu diesem Zeitpunkt an keiner deutschen Universität existiert. Das Gesuch scheitert am Widerstand des Soziologen und späteren NSDAP-Mitglieds Andreas Walther.[1] 1933 folgt ein weiterer Habilitationsversuch. Das Vorhaben wird jedoch trotz fachlicher Eignung von der Fakultät „mit Rücksicht auf die veränderten Verhältnisse“[2] abgelehnt. Landshut flieht anschließend ins Exil, zunächst nach Ägypten, später nach Palästina und Großbritannien. Unter veränderten gesellschaftlichen Vorzeichen wird Landshut schließlich 1951 auf den Lehrstuhl für die „Wissenschaft von der Politik“ berufen und macht sich in den folgenden Jahren um die Etablierung des Faches sowohl an der Universität Hamburg als auch im Bundesgebiet als Vorstandsmitglied der „Vereinigung für die Wissenschaft von der Politik“, der heutigen DVPW, verdient.

An diesen wenigen Eckdaten wird bereits deutlich, dass Siegfried Landshut einen alles andere als geradlinigen Lebenslauf hatte. Dies lag vor allem an den widrigen politischen Umständen für einen jüdischen Wissenschaftler, der sich offen zu demokratischen Idealen bekannte.[3] Doch auch die strukturellen Bedingungen innerhalb der Wissenschaft spielten eine Rolle. Landshut wurde, nachdem der auf zwei Jahre befristete Forschungsauftrag am Institut für Auswärtige Politik 1927 ausgelaufen war, von dem Sozialökonomen Eduard Heimann als Assistent auf halber Stelle eingestellt. Heimann selbst bezeichnete dies als „bescheidene finanzielle Förderung für einen jungen Gelehrten[…], der als Familienvater mit grössten Sorgen und Schwierigkeiten zu kämpfen hat“. [4] Da das Einkommen aus der wissenschaftlichen Tätigkeit jedoch nicht ausreichte, um den Lebensunterhalt zu bestreiten, arbeitete Landshut auch als Dozent in der Erwachsenenbildung. Ab 1926 gab er Seminare im Freien Bildungswesen in Altona und vermittelte u.a. Grundlagen in Wirtschaftskunde an Arbeiter im Rahmen der beruflichen Weiterbildung. Im Jahr darauf begann er auch in Hamburg an der Volkshochschule Kurse anzubieten. Da der Fokus der 1919 gegründeten Einrichtung auf der allgemeinen Erwachsenenbildung und nicht auf der beruflichen Weiterbildung lag, hatte Landshut hier größere Freiheiten. Er bot Veranstaltungen zu Themen an, die man heute typischerweise der politischen Bildung zuordnen würde: „Gesellschaft und Staat“, „Demokratische Wirklichkeit“,  Kurse zu den Werken von Karl Marx und Jean-Jacques Rousseau sowie eher praxisorientierte Arbeitsgemeinschaften etwa zum Umgang mit alltäglichen politischen Begriffen oder zum richtigen Lesen.[5]

Auch wenn das finanzielle Motiv für die Nebentätigkeit Siegfried Landshuts eine Rolle spielte, sollte man nicht den Fehler machen, es darauf zu reduzieren. Das Unterrichten an einer Volkshochschule hatte in der Weimarer Republik auch stets eine ideelle Komponente. „Die Volkshochschule sollte für alle zugänglich sein, mit vielen Kursen das breite Interesse der Hörerinnen und Hörer abdecken und […] zur Demokratisierung der Bevölkerung beitragen“, heißt es hierzu in einer aktuellen Publikation zum ebenfalls 100-jährigen Bestehen der VHS.[6] Dass Universität und Volkshochschule im selben Jahr ihr Jubiläum feiern, ist dabei kein Zufall. Die Gründung der beiden Bildungseinrichtungen geht auf denselben Beschluss der Bürgerschaft aus dem März 1919 zurück. Vorgesehen war, neben der Universität eine echte Volkshochschule einzurichten. In dieser sollten die Universitätsprofessoren zur Mitarbeit verpflichtet werden. „Dies war ein neuer, demokratisch und sozial inspirierter Anspruch, die akademische Ausbildung der wenigen mit der Weiterbildung breiter Gesellschaftsschichten zu verbinden“, schreibt der Leiter der Arbeitsstelle für Universitätsgeschichte und Landshut-Biograf Rainer Nicolaysen.[7] Die Mehrheit der Professorenschaft konnte dieser Idee der sozialen Öffnung des Hochschulwesens jedoch wenig abgewinnen. So verfügte der Senat der Universität 1921, dass keine Universitätsvorlesungen mehr gleichzeitig im Rahmen der Volkshochschule angeboten werden durften. Gegen diesen Beschluss konnte auch das 1921 in Kraft getretene Hochschulgesetz nichts ausrichten. Hierin war lediglich noch eine vage Erklärung enthalten, wonach für Veranstaltungen an der Volkshochschule Universitätsprofessoren herangezogen werden sollten.[8] Die enge Bindung der Volkshochschule an die Universität scheiterte somit letztlich „am Widerwillen der Professoren und deren elitären Bildungsvorstellungen“.[9]

Es waren Wissenschaftler wie Siegfried Landshut, die sich mit der Idee der Demokratisierung durch Bildung identifizierten, die Kurse an der Volkshochschule gaben. Dass Landshut seine Arbeit in der Erwachsenenbildung eben nicht nur als Mittel zum Broterwerb verstand, geht unter anderem aus einem später von ihm verfassten Lebenslauf hervor. Darin bezeichnet er seine Tätigkeit als „aktive Teilnahme an der Volkshochschulbewegung“.[10] Zu dieser gehörte für Landshut auch, Stellung zu beziehen und sich in den aktuellen Diskurs einzumischen. 1929 veröffentlichte er einen längeren Text unter dem Titel „Zur Bildungsfrage des berufstätigen Menschen“.[11] In diesem befasst sich Landshut neben grundlegenden Aspekten der Erwachsenenbildung in der kapitalistischen Gesellschaft auch mit der konkreten Praxis der Bildungsarbeit in der Volkshochschule.

Ausgangspunkt des Aufsatzes ist, wie der Titel schon nahelegt, die Lebenswirklichkeit der erwerbstätigen Bevölkerung. Diese sieht Landshut im Wesentlichen durch zwei Tendenzen geprägt: Zum einen werde die Lebensführung der Menschen von den Motiven der „ökonomischen Lebenssicherung und Wohlstandssteigerung“ dominiert.[12] Zum anderen sei die Arbeit, also die Grundlage für die Verwirklichung dieser Motive, durch den wirtschaftlichen Druck auf das Individuum sowie zunehmende Rationalisierung in den Betrieben weitestgehend „entäußert“. Landshut bezieht sich damit explizit auf Marx und das in dessen Frühschriften eingeführte Konzept der entfremdeten Arbeit, bei der unter Bedingungen eines kapitalistischen Wirtschaftssystems „der Mensch als Mensch von der Anteilnahme an seiner Arbeit zwangsläufig ausgeschlossen“ sei.[13] Dies habe auf den Alltag der meisten Erwerbstätigen einen starken Einfluss. So sei das Leben der arbeitenden Bevölkerung geprägt durch eine „Zwiegespaltenheit des Tages in einen ernsten und öden und in einen leichteren und anregenden Teil, deren Konsequenz die ist, daß eigentlich weder der eine noch der andere im Grunde ernst genommen wird, sondern daß man beide lediglich als Gift und Gegengift über sich ergehen lässt“.[14]

Diese Ökonomisierungs- und Entfremdungstendenzen haben für Landshut wiederum entscheidenden Einfluss auf den gesellschaftlichen Stellenwert von und den Anspruch an Bildung. So erfülle diese, analog zum Alltag der Menschen, zwei gegenläufige Funktionen. Zum einen werde sie als ökonomische Ressource betrachtet, als Bildungsgut, das man „besitzen oder nicht besitzen kann“.[15] Sie folge damit einer Zweckrationalität, die nicht (mehr) die Entwicklung des Menschen selbst im Blick habe. Zum anderen werde Bildung in zunehmendem Maße als Freizeitaktivität betrachtet, als Teil des „Gegengifts“ also. Landshuts Kritik wird in diesem Punkt sehr konkret, sieht er diese Entwicklung doch in seinem direkten Umfeld: „wie soll man es anders beurteilen, wenn der Lehrplan einer Volkshochschule die zufällige Kombination aus dem Angebot unkontrollierter Dilettanten, die ein Nebenverdienst suchen und der wahllosen, ihrer selbst nicht bewußten Nachfrage der Bildungsungeduldigen ist, aus der für die Volkshochschule das Gepräge einer Bildung resultiert, die sich ihrer menschlichen Auswirkung nach nicht wesentlich von jeder Zerstreuung unterscheidet“.[16]

Um die Qualität der Lehre in der Erwachsenenbildung scheint es also Ende der 1920er Jahre nicht sonderlich gut bestellt gewesen zu sein. Landshut führt dies vor allem auf die fehlende Eignung des Lehrpersonals zurück und greift damit die Kontroverse um die Bindung der Volkshochschule an die Universität wieder auf. Diese war auch nach 1921 nicht wirklich beigelegt. So gaben einige demokratisch gesinnte Professoren wie Ernst Cassirer, Walter A. Berendsohn oder Rudolf Laun[17] trotz des Senatsbeschlusses weiterhin Kurse an der Volkshochschule – allerdings auf freiwilliger Basis und mit viel ideellem Engagement, da sie diese nur zusätzlich zu ihrer Lehrverpflichtung anbieten konnten. Eine stärkere Einbindung der Professorenschaft, wie ursprünglich geplant, oder zumindest Erleichterungen für diejenigen, die bereit waren, in der Erwachsenenbildung zu unterrichten, hätte dem Wirken der „Dilettanten“ etwas entgegensetzen können. In diesem Sinne ist es naheliegend, Landshuts harsches Urteil über die mangelnde Qualität des Bildungsangebots auch als Kritik an einer sich der Allgemeinheit entziehenden Wissenschaft zu interpretieren.

In seinem Text, der sich in weiten Teilen als Streitschrift liest, formuliert Landshut allerdings nicht nur Kritik, er skizziert auch sein eigenes Bildungsideal. Ziel der Bildung sollte es sein, dem Menschen zu ermöglichen, dass von ihm das „Leben in seiner Ganzheit, d. h. alles, was er tut: schlafen, arbeiten, sprechen, sich erholen, lieben aus der eigenen, ‚angeeigneten‘ Mächtigkeit geführt wird.“[18] Was ist mit dieser etwas umständlichen Formulierung gemeint? Die Zergliederung des Lebens, die den Blick auf die „Ganzheit“ verstellt, versetzt das Individuum in Ohnmacht. Es wird zum passiven Teilnehmer und lässt das Leben lediglich „über sich ergehen“. So wie oben beschrieben führt etwa die Teilung des Alltags in entfremdete Arbeit und Freizeit dazu, dass keines von beiden wirklich ernst genommen werden kann. Es ist deshalb kein Zufall, dass Landshut in seiner Aufzählung „arbeiten“ und „sich erholen“ im selben Atemzug nennt. Erst wenn beides miteinander in Verbindung gebracht wird, erschließt sich das Ganze. Es ist letztlich die Erkenntnis, die es möglich macht, die eigene Ohnmacht zu überwinden und sich das Leben anzueignen. Der Bildung kommt hierbei eine Schlüsselrolle zu. Sie kann nämlich die Einzelnen dazu befähigen, sich die eigene Lebenswirklichkeit zu erschließen: „richtig sehen, unterscheiden, sich selbst in der Welt und im Miteinandersein mit anderen zu verstehen und so von sich selbst und der Welt einen praktisch-umgänglichen Begriff zu haben, das können die Wenigsten und das kann man durch geleitete Uebung sich aneignen.“[19] Man könnte auch sagen, Ziel der Bildung sollte es sein, dass sich der entfremdete Mensch selbst in der Welt erkennt und dadurch zu sich selbst findet. Dies ist die Grundlage für ein selbstbestimmtes Leben.

Vor dem Hintergrund, dass Landshut nur nebenberuflich Volkshochschuldozent war, in seiner Haupttätigkeit jedoch Wissenschaftler, ist es bemerkenswert, auf welcher Ebene er mit seiner Vorstellung von Bildung ansetzt. Es geht ihm darum, die Menschen in ihrer eigenen Lebensrealität ‚abzuholen‘. Er möchte ihnen Orientierung geben durch eine konkrete Verortung in der Welt. Landshut veranschaulicht dies am Beispiel des Zeitunglesens: Es komme nicht darauf an, dass der einzelne Leser den Aufbau des Pressewesens kenne, sondern darauf „daß jeder sich als Zeitungs-Lesenden verstehen lernt, in seinen eigenen Ansprüchen, Erwartungen, in seiner Reaktion und Meinungsbildung“.[20] Erst wenn man ein Bild davon hat, was man tut, rücken die wahrgenommenen Selbstverständlichkeiten in den Hintergrund, die das eigene Handeln bestimmen. Für den Bereich der öffentlichen Meinung gilt dies insbesondere. Mündigkeit und Selbstbestimmung setzen somit voraus, den Umgang mit Medien reflektieren und einordnen zu können.

Welche Gültigkeit können solche Empfehlungen heute noch haben? Zwar gibt es nicht mehr ein dominantes Medium wie die Tageszeitung, aber gerade das ausufernde Medienangebot, das eine Flut an (Echtzeit-)Informationen bereithält, führt nicht selten zur Überforderung des Einzelnen. Hinzu kommt die Selbstreferenzialität verschiedener sozialer Plattformen. Möchte man sich hier wohlüberlegt und selbstbestimmt eine Meinung bilden, scheint die Fähigkeit zur Reflexion und Selbstverortung unabdingbar. Landshuts Überlegungen zur Selbst-Verortung in der Medienwelt scheinen also weiterhin unmittelbare Relevanz beanspruchen zu können.


[1] Vgl. Nicolaysen, Rainer (1997): Siegfried Landshut. Die Wiederentdeckung der Politik. Eine Biographie, Frankfurt am Main: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, S. 99.

[2] Brief des Dekans Curt Eisfeld an Landshut vom 13. Mai 1933, zitiert nach: Nicolaysen, Rainer (1997): S. 182.

[3] Siehe auch den Blogeintrag „Fundstück: Vertreibung an der Universität Hamburg“ https://politik100x100.blogs.uni-hamburg.de/fundstueck-vertreibung-33/

[4] Brief Eduard Heimanns vom 29. Juli 1927 an die Hochschulbehörde, zitiert nach: Nicolaysen, Rainer (1997): S. 84.

[5] Vgl. Nicolaysen, Rainer (1997): S. 160f.

[6] Hamburger Volkshochschule (Hrsg.) (2019): 100 Jahre Hamburger Volkshochschule – Jubiläumsmagazin, Hamburg.

[7] Nicolaysen, Rainer (1997): S. 158.

[8] Vgl. HambHG, Fassung vom 6.2.1921, §54 (2).

[9] Nicolaysen, Rainer (1997): S. 158.

[10] Lebenslauf, nach 1945 (undatiert), zitiert nach: Detjen, Joachim (2016): Politische Erziehung als Wissenschaftsaufgabe. Das Verhältnis der Gründergeneration der deutschen Politikwissenschaft zur politischen Bildung, Baden-Baden: Nomos, S. 349-365.

[11] Landshut, Siegfried (1929): Zur Bildungsfrage des berufstätigen Menschen, Berlin/Itzehoe: Gottfried Martin Verlag. Hingewiesen sei hier auch auf weitere Beiträge Landshuts zum Thema Bildung. So etwa der Artikel „Re-Education“, der 1945 während Landshuts Tätigkeit als Leiter der „Educational Section“ im „German Prisoners of War Directorate“ in Kairo entstand (erschienen im Jerusalemer Magazin Forum); oder auch der 1957 gehaltene Vortrag „Die Schwierigkeiten der politischen Erziehung in der egalitären Massengesellschaft“ (in: Nicolaysen, Rainer (Hrsg.) (2004): Siegfried Landshut. Politik, Grundbegriffe und Analysen, Berlin: Verlag für Berlin-Brandenburg, S. 736-744).

[12] Landshut, Siegfried (1929): S. 8.

[13] Landshut, Siegfried (1929): S. 12-13. [Hervorhebung im Original]

[14] Landshut, Siegfried (1929): S. 18.

[15] Landshut, Siegfried (1929): S. 5.

[16] Landshut, Siegfried (1929): S. 14f.

[17] Für eine umfangreichere Liste siehe Nicolaysen, Rainer (1997): S. 159.

[18] Landshut, Siegfried (1929): S. 18f. [Hervorhebung im Original]

[19] Landshut, Siegfried (1929): S. 21.

[20] Landshut, Siegfried (1929): S. 24. [Hervorhebung im Original]

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