Fundstück: Walter Berendsohn – Portrait

Bildnachweis: UHH/Arbeitsstelle für Universitätsgeschichte

Der Germanist Walter Berendsohn gilt als Begründer der deutschen Exilliteraturforschung . Seine Arbeit begann in den 1920er-Jahren an der Hamburgischen Universität – im “Pferdestall”, dem heutigen Gebäude der Sozialwissenschaften an der Universität Hamburg. Sein Lebensmittelpunkt sollte nach Entlassung und Vertreibung aber Stockholm werden. Hier wurde er der Knotenpunkt deutscher Exilliteraturforschung, gründete eine internationale Koordinationsstelle und verhalf nebenbei Nelly Sachs und Willy Brandt zu ihren Nobelpreisen. In unserem nächsten Fundstück rekonstruieren wir Berendsohns mehrfaches “Exilleben”, dabei nicht zu vernachlässigen: die ebenfalls mehrfach unrühmliche Rolle der Hamburger Universität.


Walter Arthur Berendsohn wurde 1884 in Hamburg geboren und wuchs, wenn auch weitgehend assimiliert, in der großen jüdischen Gemeinde der Stadt auf. Nach einer kaufmännischen Lehre, die ihn zur Fortführung der Familiengeschäfte ausbilden sollte, zog es ihn an die Universität. Er studierte Germanistik, Nordistik und Philosophie, promivierte 1912 zu den Aphorismen Lichtenbergs und wurde schließlich zuerst wissenschaftlicher Mitarbeiter und ab 1925 außerordentlicher Professor für Literatur und Skandinavistik an der Hamburgischen Universität.

Bereits in den 1920er-Jahren, in denen er am Germanistischen Seminar der Universität angestellt ist, weitet er den Horizont seines Faches, stellt den Austausch mit anderen Sprach- und Literaturkontexten, in seinem Fall vor allem mit skandinavischen Werken, in den Vordergrund. Doch auch in Berendsohns Fall sind es wie so oft zu dieser Zeit die politischen Umstände, die seine wissenschaftliche Entwicklung determinieren. Mitte 1933 wird Berendsohn im Zuge des antisemitischen “Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums” entlassen, auch seine Mitgliedschaft in einer pazifistisch-humanistischen Freimaurerloge sowie der Hamburger SPD ist den Nationalsozialisten ein Dorn im Auge. Berendsohn muss mit seiner Familie fliehen und migriert nach Kopenhagen, 1936 wird ihm dann auch noch die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt und sein Eigentum entzogen. Auch seinen Doktortitel muss er abgeben.

Bildnachweis: UHH/Arbeitsstelle für Universitätsgeschichte

Doch trotz widrigster Umstände – in Dänemark verdient er den Unterhalt für seine Familie mit geheimen Vorträgen und kleinen Forschungsaufträgen – setzt Berendsohn seine Arbeit fort. Noch in Kopenhagen gründet er ein Emigrantinnenzentrum, ist Schlüsselperson für die Vernetzung der in der ganzen Welt verstreuten deutschsprachigen Exilliteratinnen. Auch sein Hauptwerk Die humanistische Front, das als Gründungsdokument deutscher Exilliteraturforschung gilt, verfasst er 1939 in Dänemark.
Seine neue Heimat findet Berendsohn  schließlich in Stockholm. 1940, nach der Besetzung Dänemarks durch das Deutsche Reich, muss die Familie noch einmal fliehen und setzt nach Schweden über. Und auch wenn Berendsohn hier wieder zuerst lediglich als einfacher Archivmitarbeiter angestellt ist, wird er bis zu seinem Tod 1984 in der Hauptstadt verbleiben. Von hier aus setzt er seine Arbeit fort, 1969 etwa mit einem ersten Symposium zur Erforschung von Exilliteratur, dann als Leiter einer internationalen Forschungs- und Vernetzungsstelle.

Bildnachweis: UHH/Arbeitsstelle für Universitätsgeschichte

Mitte der 1950er Jahre erhält Berendsohn auch wieder eine akademische Stelle – als Gastprofessor an der Universität Stockholm, 1974 wird im dort die Ehrendoktorwürde überreicht (siehe Bild). Eine deutlich unrühmlichere Rolle spielte die Universität Hamburg nach 1945. Während Berendsohn bereits 1948 wieder in die Hansestadt gereist war, um alte Kontakte wieder aufleben zu lassen und neue Projekte anzustoßen, lehnte die Philosophische Fakultät die Wiederanerkennung des Professoren- und Doktortitels ab. Mehrere, jahrzehntelange Versuche eine Professur für Berendsohn einzusetzen scheiterten, nicht zuletzt aufgrund des Widerstands der Professoren, die Zweifel an seiner wissenschaftlichen Eignung äußerten. Erst 1983, im Alter von 99 Jahren und ein Jahr vor seinem Tod, gelingt die Rehabilitation und Berendsohn erhält die Ehrendoktorwürde der Hamburger Universität.

Bildnachweis: UHH/Arbeitsstelle für Universitätsgeschichte

Heute ist die Universität um wohl unerreichbare Wiedergutmachung bemüht. 2001, dreißig Jahre nach ihrer Gründung, wurde die Arbeitsstelle für Exilliteratur an der Universität nach Berendsohn benannt. Im Archiv der Arbeitsstelle befinden sich eine umfassende Zusammenstellung der Schriften Berendsohns, eine Sammlung rund um sein Wirken sowie Teile der Arbeit der Stockholmer Koordinationsstelle.


Text: David Weiß, Redaktion Politik 100×100

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