Fundstück: “Unter den Talaren Muff von 1000 Jahren”

Am 9. November 1967 findet im Audimax der Universität Hamburg die alljährliche feierliche Rektoratsübergabe statt. Spitzen aus Wissenschaft, Politik und Kultur sind in den ersten Reihen des großen Hörsaals versammelt, das Universitätsorchester spielt und ein striktes Festprotokoll soll seinen geregelten Lauf nehmen. Bis zwei Studierende des AStA eine kurzerhand geplante Protestaktion beginnen – eine Protestaktion, die als eine der wichtigsten Auslöser der ’68er-Bewegung’ gilt.


Zwar ist die Dimension der 68er-Bewegung – in ihrem globalen Ausmaß wie politischen Einfluss –  im November 1967 noch nicht abzusehen, doch bereits seit Monaten, fast Jahren brodelt es an den westdeutschen Universitäten. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) hat sich nach Abspaltung und Lossagung von der SPD zu Beginn der 1960er-Jahre zu einer einflussreichen Stimme in der Studierendenschaft entwickelt. Immer mehr Studierende, auch in Hamburg, beteiligen sich an Aktionen der SDS-Basisgruppen. Vor allem aber die tagespolitische Lage beschleunigt das Wachstum der Bewegung.
Der Krieg der USA in Vietnam bewegt Studierende auf der ganzen Welt, im Alltag wird die kulturelle Enge der Nachkriegsjahre kritisiert und eine Befreiung alternativer Lebensformen gefordert. In der Bundesrepublik richtet sich der politische Protest des Weiteren gegen die nicht aufgearbeitete, im Gegenteil bewusst verschwiegene und verdrängte NS-Vergangenheit, undemokratische Hochschulstrukturen sowie die geplanten Notstandsgesetze von Bundeskanzler und Ex-NSDAP-Mitglied Kurt-Georg Kiesinger.

Den ersten großen Ausbruch erfuhren die Proteste im Juni 1967. Während des Staatsbesuches des iranischen Schahs in West-Berlin war es zu Demonstrationen gekommen, in unübersichtliche Straßenkämpfen hatte ein Polizist den Studenten Benno Ohnesorg erschossen. In den darauffolgenden Wochen war die Lage angespannt, der SDS organisierte Großdemonstrationen. Und auch wenn die Proteste erst im Frühjahr und Sommer 1968 ihren Höhepunkt erreichten, war ein weiteres Ereignis – die “Muff-Aktion” im Hamburger Audimax am 9. November 1967 – entscheidend für die weitere Formierung der Bewegung.

Selbst Teil des Hamburger SDS und beflügelt von den zahlreichen Aktionen der vorigen Monate, hatten sich die beiden Jura-Studenten Detlev Albers und Gert Hinnerk Behlmer zu einem Protest der besonderen Art entschieden. In der Nacht vor der Rektoratsübergabe bastelten sie, aus einem Trauerflor für den Kommilitonen Ohnesorg, ein kleines Transparent, das sie unter ihren Anzügen versteckt ins Audimax schmuggelten. Gleich zu Beginn der Veranstaltung kommt ihr Moment. Der abtretende Rektor Karl-Heinz Schäfer zieht mit seinem Nachfolger Werner Ehrlicher und weiteren Ehrengästen aus einem der Eingänge am Rande des Hörsaals in Richtung Bühne. Albers und Behlmer nehmen ihre Chance wahr, entrollen das Transparent und setzen sich vor die Prozession, geleiten sie zur großen Bühne.

Der Spruch auf dem Transparent “Unter den Talaren Muff von 1000 Jahren” führt schon im Hörsaal zu heftigen Reaktionen, einer der Ordinarien ruft den beiden Studierenden zu: “Ihr gehört doch ins KZ”. Und auch in den folgenden Tagen erzielt die Aktion breites Medienecho, durchaus auch Sympathie in der breiteren Bevölkerung. Albers und Belmer haben einen Nerv getroffen. Mit ihrem Spruch mahnten sie pointiert die antidemokratischen Strukturen der Hochschule an, lieferten einen wichtigen symbolischen Startpunkt zu den Reformen in der universitären Selbstverwaltung der darauffolgenden Jahre. Und auch wenn umstritten bleibt, ob mit dem Spruch tatsächlich auch ein Verweis auf das proklamierte “Tausendjährige Reich” der Nationalsozialisten intendiert war, bedeutete der Protest einen wichtigen Impuls zur Kritik nationalsozialistischer Kontinuitäten in zentralen gesellschaftlichen Institutionen, eben auch den Universitäten.

Eine ausführliche Rekonstruktion der Ereignisse und Folgen der “Muff-Aktion” vom 9. November 1967 hat Professor Rainer Nicolaysen – anlässlich einer Veranstaltung zum 50. Jahrestag der Aktion am 9. November 2017 – dargestellt. Der halbstündige Vortrag ist auf dem Videoportal der Universität Hamburg einzusehen.


Text: David Weiß, Redaktion Politik 100×100

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.