Dina Delgado über Andreas Busen und Alexander Weiß (Hg.), Ansätze und Methoden zur Erforschung politischen Denkens (2013)

Andreas Busen und Alexander Weiß gehören zu den wichtigen Stimmen in der neueren Debatte über die Methoden der Politischen Theorie und Ideengeschichte. Andreas Busen ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur Europa und Moderne, Universität Hamburg. Zuvor studierte er in Augsburg und am Nuffield College (Universität Oxford). Im Jahre 2016 promovierte Busen mit einer Arbeit mit dem Titel Solidarität und die Verwirklichung von Freiheit und Gleichheit. Zur Bedeutung eines vernachlässigten Konzepts in der politischen Theorie und Praxis an der Universität Hamburg. Alexander Weiß hat mit einer Arbeit zur Theorie der Parlamentsöffentlichkeit in Göttingen promoviert und sich 2017 an der Universität Hamburg, wo er als langjähriger wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Politischen Theorie tätig war, mit Schriften zur Vergleichenden Demokratietheorie habilitiert. Mit Sophia Schubert gab er ein PVS-Sonderheft zu Demokratie jenseits des Westens heraus. Weiß ist Mitgründer und Sprecher der Themengruppe „Transkulturell vergleichende Politische Theorie“ in der DVPW.

Dina Delgado, studiert an der Universität Hamburg Politikwissenschaft im Bachelor. Ihr besonderes Interesse gilt der normativen politischen Theorie.


Menschen begannen, politisch zu denken, um das gesellschaftliche Leben in seinen Prozessen nachvollziehen zu können und zudem die Frage nach einem besseren und gerechteren Zusammenleben zu beantworten. Der Drang, auf diese Frage Antworten zu finden, hat zu Fortschritten geführt, die bis heute unsere gesellschaftlichen Strukturen und Zivilisation prägen. Auch heute ist politisches Denken im Stande, sich weiterzuentwickeln. Der Mensch, laut Aristoteles ein Zoon politikon, sucht kontinuierlich nach neuen Wegen, sich ein besseres Leben zu schaffen.

Mit neuen politischen Ideen ergeben sich auch Veränderungen in den Methoden der Erforschung des politischen Denkens. So ist heute wieder ein gesteigertes Interesse an Methoden und Konzepten erkennbar – sowohl von Lehrenden als auch von Studierenden. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob diese Methoden, die heutzutage an den Universitäten gelehrt und praktiziert werden, noch zeitgemäß sind, oder ob sie neu gedacht werden müssen.

Diese Frage stellen sich Andreas Busen und Alexander Weiß in ihrem im Jahre 2013 herausgegebenen Band „Ansätze und Methoden zur Erforschung politischen Denkens“. Der Sammelband umfasst 15 Beiträge, in denen verschiedene Autorinnen und Autoren ihre Ansätze darstellen. Zentral für alle Beiträge ist die Frage nach den geeigneten Methoden zum erfolgreichen Studium des politischen Denkens. Die AutorInnen diskutieren, kritisieren und erweitern die Ideen und Methoden etwa von Quentin Skinner, Michel Foucault und Charles Taylor. Darüber hinaus ist es die Intention der Autoren in diesem Buch, neue Entwicklungen zu identifizieren, die die Methoden des politischen Denkens erweitern.

Als methodisches Vorbild dient den Herausgebern in ihrer Einleitung Luc Boltanskis und Éve Chiapellos Der neue Geist des Kapitalismus. So wie die beiden AkademikerInnen sich in ihrer Untersuchung französische Management-Einführungsliteratur angesehen haben (S.19), und so Erkenntnisse über den „Geist des Kapitalismus“ gewinnen konnten, wird in dem hier diskutierten Sammelband die Einführungsliteratur zur politischen Theorie und Ideengeschichte analysiert und so auf die Methoden geschlossen. Damit ist die zentrale Frage für Busen und Weiß: „Mit welchen Ansätzen und Methoden der Ideengeschichte werden Studierende in Deutschland im Studium konfrontiert?“ (S. 19) Ziel ist es mit diesen Erkenntnissen eine grundlegende „Methoden-Reflexion“ durchzuführen.

In der Einleitung weisen Busen und Weiß auf Probleme bei der Erforschung der Methoden zur Erforschung politischen Denkens hin. Der Sammelband wird anhand dieser Probleme strukturiert, indem die AutorInnen Antworten auf eben jene Herausforderungen geben. Neben der wichtigen Debatte zur Unterscheidung von Ideengeschichte und politischer Theorie halten sie dabei an gemeinsamen Methoden für die Subdisziplinen fest. Bei diesen handelt es sich um solche, die sowohl für die Theorie als auch für die Ideengeschichte als Ansätze und Interpretationsweisen zusammengefasst werden können. Abschließend halten Busen und Weiß in insgesamt vier Reflexionsgraden – naiver Zugang, selbstbezüglicher Zugang, Autoren-Schwelle und dynamisch-reflexiver Zugang – die Elemente eines reflektierenden Methodenbewusstseins fest (S.22f). Die interpretative Arbeit hat aber nicht nur eine methodische, sondern auch eine fundamental politische Dimension. In diesem Sinn schreiben Busen und Weiß: „Die Geschichte des politischen Denkens liegt nicht einfach hinter uns, so dass wir sie nur zu entdecken hätten. Sie wird durch die theoretischen Ansätze, mit denen wir uns nähern, konstruiert.“[1]

Wie einleitend betont, werden in den Beiträgen verschiedene Herangehensweisen an die Erforschung politischen Denkens behandelt. Etwa schreibt Ulf Bohmann zu Charles Taylors Methode im Bereich der klassischen Genealogien und dessen Überlegungen zur Anwendung neuerer praxeologischer Ansätze. Bohmann gibt in seinem Beitrag, Charles Taylors Mentalitätsgeschichte als Kritische Genealogie Auskunft über die Definition von Genealogie und ihre Anwendung als Vorgehensweise in der politischen Ideengeschichte bei Taylor. Vergleichend werden die Perspektiven anderer Autoren, darunter Friedrich Nietzsche und Michel Foucault, herangezogen, um diese in nächsten Schritt an verschiedene genealogische Konzepte von Taylor heranzuführen (vgl. S.185). Hier ist die Besonderheit, dass Taylors Methode „eher eine stärkere, positive, legitimierende Tendenz besitzt“ [2], wobei die Intention der Kritik bestehen bleibt. Im Bohmanns Beitrag werden zwei Hauptstudien Taylors behandelt, welche im Kontext der kritischen Genealogie von drei bedeutenden Elementen: Form von Ideengeschichte, Darstellungsform und Kritik (s.188 ff) eingeordnet werden.  Der Anspruch dieses Beitrags ist es, neue Perspektiven auf die Ideengeschichte zu entwickeln. Dabei werden nicht nur Perspektiven klassischer AutorInnen, sondern eben auch zeitgenössische Beiträge angeführt und in die Diskussion eingebracht.

Holger Zapf arbeitet in seinem Beitrag die Bedingungen sowie die methodischen und begrifflichen Implikationen des Lesens von Texten aus nicht-westlichen Kontexten heraus. Hier führt Zapf insbesondere den Ansatz der Vergleichenden Politischen Theorie (Comparative Political Theory) ein. Zapf untersucht im Zuge dessen beispielsweise zu problematisierende Kulturbegriffe, die aus methodischen Gründen verwendet werden. Zapf unterscheidet zwischen einer analytisch-komparativen, einer dialogischen und einer transkulturell-rekonstruktiven Perspektive.[3] Als Lösung schlägt der Autor die Erarbeitung einer transkulturell vergleichenden Ideengeschichte vor, wodurch die Probleme  einer kulturdeterministischen Rahmung der Politische Theorie vermieden werden können.

Mit den vielfältigen Beiträgen wird der bestehende Horizont zur Erforschung des Politischen Denkens deutlich erweitert. Die Auseinandersetzung transzendiert etablierte Muster der Erforschung politischen Denkens und sprengt realpolitisch-kulturelle sowie disziplinäre Grenzen. In einer sich rapide globalisierenden Welt – eine Entwicklung, die Universitäten schon seit längerem weltweit spüren und prägt – ist dies auch notwendig.

Die Lektüre des Sammelbandes stellt einen fruchtbaren Beitrag zur Erforschung politischer Ideen wie auch für die kritische Beschäftigung mit Methoden in Theorie und Ideengeschichte in der universitären Lehre dar. Dabei werden im Buch interessante bis verblüffende Einsichten vermittelt, die insbesondere Studierenden einen wertvollen Zugang zur weitreichenden Auseinandersetzung des Feldes mit den eigenen Methoden und Ansätzen ermöglichen. Gleichzeitig markiert das Werk sicherlich nicht das Ende der Debatte, wie die beiden Herausgeber zusammenfassen: „Die Beiträge in diesem Band lassen sich als Äußerungen in einem […] Methodengespräch verstehen, das hier weder begonnen noch zu Ende, sondern weitergeführt werden soll.“[4]


[1] Andreas Busen und Alexander Weiß (Hg.), Ansätze und Methoden zur Erforschung politischen Denkens. Baden-Baden: Nomos 2013, S. 7.

[2] Busen und Weß (2013), S.10

[3] Busen und Weiß (2013), S.299.

[4] Busen und Weiß (2013), S. 7.

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